*** Monte Verità: Der Rausch der Freiheit ***

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*** Monte Verità: Der Rausch der Freiheit ***


 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Die Künstlerkolonie am Monte Verità in der Schweiz war im frühen 20. Jahrhundert Heimat für ein buntes Volk aus Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und dem was man damals Freigeister nannte. Der Film „Monte Verità – Der Rausch der Freiheit“ erzählt eine Frauengeschichte vor dem Hintergrund dieser Gemeinschaft.
 
Beherrsch Dich!
 
Wien 1906.: Hannah ist mit einem wohlhabenden Geschäftsmann verheiratet. Sie leidet an Asthma- und Ohnmachtsanfällen. Weil sie bereits zwei Töchter hat, besteht ihr Ehemann auf seinem Recht, trotzdem einen Sohn mit ihr zeugen zu wollen. Eines Tages flüchtet Hannah und folgt ihrem verständnisvollen Psychotherapeuten Otto Gross an den Monte Verità. Dort ändert sich ihr Leben für immer …
 
Drehbuchautorin Kornelija Naraks („Wohnen im Transit“) erzählt mit „Monte Verità – Der Rausch der Freiheit“ eine Frauengeschichte. Und sie weiß was sie tut. Bereits in der ersten Dialogzeile vermittelt sie die leidvolle Lebenssituation der Heldin. Diese erste Zeile wird natürlich noch nicht von Hannah gesprochen. Hannah wird ihre Stimme erst am Monte Verità richtig finden. Nein, diese erste bedeutungsvolle Zeile wird von Hannahs Mann gesprochen. Höflich, aber doch unmissverständlich, eben ganz im Stil der Zeit, erfolgt seine Anweisung: „Hannah, nimmst Du bitte Deinen Platz ein.“
 
 
Auch bei einer ersten Konsultation des Therapeuten übernimmt der Mann das Wort. Der Arzt fragt seine Patientin, „Wie lange haben Sie diese asthmatischen Anfälle?“. „Schon viel zu lang“ antwortet der Mann für sie. Es sind kurze Dialogzeilen wie diese, die uns rasch und einprägsam vermitteln, welche Position, man möchte fast sagen, welche Funktion Hannah in ihrer Ehe einzunehmen, welches Leben sie zu leben hat.
 
Schnell wird klar: Naraks erzählt die Geschichte dieser Frau. Sie erzählt nicht die Geschichte der Künstlerkolonie, sie erzählt nicht die Geschichte der anderen Bewohner, sie erzählt nicht die Geschichte einer Epoche. Und vielleicht ist das die eine große Schwäche dieses Films. Wir bekommen von der Zeit und der Gesellschaft in der Hannah lebt nur das vermittelt, was für Hannahs Geschichte wichtig ist. Die anderen Bewohner lernen wir nur kennen, wenn sie mit Hannah zu tun haben. Und auch dann nur oberflächlich. Vom Wesen der Kolonie sehen wir nur, was Hannah fotografiert.
 
Dort ist die Freiheit keine Utopie
 
Und auch Regisseur Stefan Jäger („Der große Sommer“) zeigt uns bloß die Geschichte einer einzelnen Frau. Wir sehen die Gebäude und Räume der Künstlerkolonie nur wenn Hannah sie betritt. Wir sehen die umgebende Landschaft nur wenn Hannah sich in ihr bewegt. Wir bekommen die anderen Bewohner nur zu sehen wenn und wie Hannah sie sieht. Und so ist es schade, wenn wir vom Leben in der Kolonie nur wenig erfahren, wenn die atemberaubenden Panoramen des Tessins nur selten zu sehen sind und wenn Hermann Hesse bloß Stichworte gibt und Isadora Duncan eine Statistin bleibt.
 
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Das soll nicht heißen, Jäger würde uns keine schönen Bilder oder interessante Figuren bieten. Aber wir sehen nur, was für Hannah von Belang ist. Und so hat dieser doch recht anspruchsvolle Film manchmal leider etwas von einer Kolportage. An einigen Stellen erinnert der Film mehr an „Lindenstrasse“ als an „Einsam irrend nach dem Glück …“, hat mehr von Hans W. Geißendörfer als von Erich Mühsam.
 
Immer wieder verstärken ärgerliche Fehler noch den Eindruck eines Frauenschicksalsdramas fürs Fernsehen. Mehr als einmal fallen die Szenenübergänge arg plump aus. Vor allem wenn man so ausgiebig mit Rückblenden arbeitet wie Jäger es hier tut, sollten die verschiedenen Sequenzen nicht einfach aneinanderstoßen wie Güterwagons auf dem Rangierbahnhof. Manchmal wirkt die Regie ein wenig ungelenk. Der erste Ehevollzug soll lieblos wirken, wirkt aber eher unfreiwillig komisch.
 
Zuweilen klingen die Dialoge unnötig erklärend. Zum Beispiel hätte eine Wienerin 1906 auf die Frage nach ihrem Heimatland niemals „Österreich-Ungarn“ geantwortet, auch wenn das inhaltlich korrekt gewesen wäre. Mehr als einmal fehlt ein wenig Gespür für die Zeit der Handlung. Ein Herr aus besserer Gesellschaft hätte zu Beginn des letzten Jahrhunderts seinen schwarzen Geschäftsanzug niemals zum Rudern getragen. Am Schluss hätten dann zwei oder drei eingeblendete Texttafeln gereicht. Fünf Stück sind ein bisschen arg viel und nehmen dem Film etwas von seiner Wirkung.
 
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Doch dann machen die Filmemacher wieder alles richtig. Die Frauen im Film sprechen miteinander, statt nur von sich. Sie sprechen über einander und über sich, statt bloß über Männer. Sie sprechen über Praktisches, wie die Finanzierung der Kolonie und über Philosophisches, wie das Leben mit der Natur. Denn es sind die Frauenfiguren, die diesen Film tragen. Anders als in so vielen anderen Filmen, sind hier einmal die männlichen Figuren bloße Stichwortgeber und Handlungselemente. Während die Männer fordern und penetrieren, sind es in diesem Film die Frauen, die handeln. Und sie sind es auch, die am Ende entscheiden.
 
Und es ist diese Entscheidung der Heldin, die „Monte Verità – Der Rausch der Freiheit“ dann doch von den üblichen Frauenschicksalsfilmen unterscheidet. In einem Film über einen Ausbruch aus einem altmodischen Patriarchat, darf eine moderne Frau nicht nur eine moderne Entscheidung treffen, sie muss eine moderne Entscheidung treffen. „Monte Verità“ bietet kein billiges Happy-End für alle, sondern etwas viel Wertvolleres. Das Ende verheißt Hoffnung. Die Hoffnung einer neuen Zeit. So wird der Ausbruch am Ende zum Aufbruch. So bleibt dieser Film sich selbst treu.
 
Gib dem Berg ein bisschen Zeit
 
Wie erwähnt, erzählt der Film nicht die Geschichte der Kolonie, sondern die Geschichte einer Frau. Und deshalb muss Maresi Riegner („Egon Schiele: Tod und Mädchen“) diesen schwierigen Film und seine Handlung ganz allein auf ihren schmalen Schultern tragen. Wenn sie dabei strauchelt trägt das zur Wirkung bei. Wenn sie überfordert wirkt, ist das stimmig, weil ihre Hannah überfordert ist. Bloß die Entwicklung ihrer Figur am Ende des Films gerät etwas zu flott und zu glatt.
 
Der Schweizer Joel Basman („Tides“) gibt eine gefällige Imitation Hermann Hesses. Max Hubacher („Der Verdingbub“) hätte eine der interessantesten Rollen des Films spielen können. Leider hatte Autorin Kornelija Naraks keinerlei Interesse an seiner Figur des Freud-Schülers Otto Gross. Und so hat Hubacher fast nichts, womit er arbeiten könnte.
 
Denn es sind immer wieder die Frauen, die diesen Film interessant machen. Julia Jentsch („Effi Briest“)vermittelt eine enorme innere Kraft als Ida Hofmann. Hofmann war Pianistin, Pädagogin, Schriftstellerin und Mitbegründerin der Kolonie. Von Jentsch dargestellt ist diese Figur all das und noch mehr. Jentsch vermittelt, wie diese Frau die ganze Kolonie zusammen und am Leben erhält.
 
Die interessanteste Leistung des Films bietet aber Hannah Herzsprung („Der Vorleser“). Ihre Lotte Hattemer ist gleichzeitig schwach und die stärkste Figur des Films. Zurückgezogen in ihrem Verschlag liebt sie die ganze Welt. Selbstmordgefährdet lebt sie intensiver als andere Menschen. Leidend ist diese Figur doch das emotionale Zentrum des Films. Herzsprung vermittelt in wenigen Szenen eine Frau, die vielleicht zu viel in sich hatte um es in bloß einem Leben auszuleben. Am Ende wünscht man sich einen weiteren Film über Lotte Hattemer, mit Hannah Herzsprung in der Hauptrolle.
 
Fazit
 
Wie seine Heldin hat dieser Film manchmal Mühe, sich zurechtzufinden. Die Einzelleistungen der Darstellerinnen und die Ehrlichkeit seiner Geschichte machen diesen Film trotzdem sehenswert.
 
 
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