*** King Richard ***

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*** King Richard ***


 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Will Smith spielt gern den Helden. Das weiß jeder. In seinem neuesten Film aber spielt er wieder den Helden, obwohl diese Figur gar nicht der Held der Geschichte ist, …
 
Everybody is wrong
 
Venus Williams hat mehrmals Wimbledon gewonnen und eine olympische Goldmedaille im Tennis errungen. Ihre Schwester Serena hat nicht nur ebenfalls eine olympische Goldmedaille im Einzel gewonnen, sondern auch noch 23 Grand Slam Turniere. Im Doppel haben die beiden Schwestern 14 Grand Slam Tuniere und dreimal olympisches Gold gewonnen. Es war längst überfällig, die Geschichte dieser beiden Ausnahmesportlerinnen zu verfilmen. Stattdessen hat man nun die Geschichte ihres Vaters verfilmt.
 
Ich schreibe diese Zeilen im November 2021. „King Richard“ soll im Februar 2022 anlaufen. Ich möchte trotzdem schon einmal ein paar Prognosen abgeben. Ab Januar wird man diesen Film als die Lebensgeschichte von Venus und Serena Williams bewerben. Kurz darauf werden verschiedene Kritiker Will Smiths kraftvolle Darstellung eines schwierigen Charakters preisen. Beides könnte nicht weniger der Wahrheit entsprechen.
 
 
Es ist einfach nur ärgerlich, wenn man in diesem Film zwei der faszinierendsten und erfolgreichsten Sportlerinnen aller Zeiten zu bloßen Nebenfiguren in der Heldengeschichte eines Mannes verkommen lässt. Die beiden jungen Schauspielerinnen Saniyya Sidney und Demi Singleton schlagen sich tapfer. Aber im Film lernen wir keine der beiden von Ihnen dargestellten Figuren je richtig kennen. Zu Beginn des Films hatte ich Mühe, die beiden auseinander zu halten, weil sie keine echten Charaktere sind, sondern einfach nur generische Kinderfiguren.
 
Das Drehbuch zu „King Richard“ stand 2018 auf der sogenannten „blacklist“, der brancheninternen Liste der besten noch unverfilmten Drehbücher Hollywoods. Ich muss zugeben, ich hätte dieses Drehbuch zu gerne gelesen. Aber ich meine die Version aus dem Jahr 2018. Die Version, die Will Smith noch nicht in seine Finger bekommen hatte.
 
Will Smith hat ein Problem mit seinem Ego. Er ist so ziemlich der einzige Hollywood-Star, der noch nie wirklich einen Bösewicht gespielt hat. Er muss immer der Held sein. Er muss immer der starke Mann sein. Aber Will Smith ist mit seinem Problem nicht allein. Vorsichtig geschätzt dreieinhalb Milliarden Männer wollen nicht wahrhaben, dass die althergebrachten Geschlechterrollen längst ausgedient haben. Und wenn man etwas nicht wahrhaben will, wehrt man sich mit aller Kraft dagegen.
 
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Weil populäre Kultur immer ein Spiegel der Gesellschaft ist, haben wir in den letzten Jahren eine Menge völlig unkritische Darstellungen fehlgeleiteter Männlichkeit im Kino gesehen. Rambo, ein Held meiner Jugend, durfte in seinem (hoffentlich) letzten Abenteuer eine unbewaffnete, junge Frau bedrohen. Liam Neeson verletzte Unbeteiligte und folterte fröhlich drauflos, als es darum ging seine Tochter zu finden. Überhaupt werden gerade Väter und deren Beziehungen zu ihren Töchtern im Kino in letzter Zeit oft dargestellt, als wären die Töchter eher Besitz, den es zu beschützen gilt und nicht junge Menschen, denen man beim Wachsen zu helfen hat. Ein besonders merkwürdiges Bespiel dafür war mit „Es ist zu deinem Besten“ erst letztes Jahr zu sehen.
 
Liam Neesons Gewalttaten in „Taken“ können komplett unkritisch und undifferenziert gezeigt werden, weil nie Zweifel an der Rettung der Tochter bestanden. Der Zweck heiligt eben die Mittel. „King Richard“ macht es sich in der Hinsicht noch leichter. Selbst wenn man kein Tennisfan ist, weiß man längst, Venus und Serena Williams werden später Sportgeschichte schreiben. Und so kann ihr Vater, der Held der keiner ist, seine Kinder unter Druck setzen, seine Frau hintergehen und seine Geschäftspartner täuschen. Denn auch hier heiligt der Zweck die Mittel.
 
Tatsächlich ist „King Richard“ sogar noch menschenverachtender als „Taken“. Denn wo Liam Neesons Tochter ohne dessen Rücksichtslosigkeit sicher in die Sklaverei verkauft worden wäre, mag doch hoffentlich niemand behaupten, Venus und Serena Williams wären ohne die Manipulationen und Machenschaften ihres Vaters keine großartigen Tennisspielerinnen geworden.
 
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Leider versucht uns der Film genau diese Botschaft zu verkaufen. Die Töchter sollen mal lieber dankbar sein, dass Papa so hart war. Sonst wäre ja niemals etwas aus ihnen geworden. Aber der Film versucht uns noch weitere bedenkliche Botschaften zu verkaufen. Ähnlich wie der ebenfalls von Smith co-produzierte „Das Streben nach Glück“ ist auch „King Richard“ ein kitschiger Durchhaltefilm für alle die immer noch an den amerikanischen Traum glauben wollen. Aber wo Smiths Figur vor fünfzehn Jahren wenigstens selbst für den eigenen Erfolg gearbeitet hat, will „King Richard“ mit der Begabung und der Arbeit der Töchter Erfolg haben. Erfolg und sozialer Aufstieg auf dem Rücken anderer, das ist doch der wahre amerikanische Traum.
 
Die dritte bedenkliche Botschaft des Films ist noch etwas heikler. Erstlings-Drehbuchautor Zach Baylin ist europäischer Abstammung. Aber sowohl Regisseur Reinaldo Marcus Green als auch Co-Produzent und Hauptdarsteller Will Smith sind Afroamerikaner. Trotzdem wird Richard Williams als schwarzes Klischee dargestellt. Nicht nur hat der Mann eine unübersichtliche Anzahl an Kindern von verschiedenen Frauen. Smith lässt seinen Richard Williams selbst nach Jahren im Business bei wichtigen geschäftlichen Besprechungen nur im Idiom der schwarzen Unterschicht sprechen.
 
Den ganzen Film hindurch bringt Richard Williams seine Gesprächspartner immer wieder in Verlegenheit, wenn er von seiner schwierigen Kindheit erzählt („We was busy running from the Klan“). Eine Sozialarbeiterin, die seine Trainingsmethoden hinterfragt, bezichtigt er prompt des Rassismus. In einer besonders unangenehmen Szene reagiert er sofort aggressiv, als ein potentieller Geschäftspartner meint, die Erfolge seiner Tochter wären noch beachtlicher, wenn man ihre Herkunft bedenkt. Diese Figur erfüllt also das Klischee eines schwarzen Mannes, der die Rassenkarte immer wieder ausspielt, wann und wie es ihm gerade passt.
 
Kommen wir zur vierten bedenklichen Botschaft des Films: Nachdem Richard sich während des ganzen Films über seine Frau Brandy hinwegsetzt und wieder einmal eine fragwürdige Entscheidung für die ganze Familie getroffen hat, ohne diese vorher mit der Mutter seiner Töchter abgesprochen zu haben, stellt diese ihren Mann zur Rede. Wieder verwehrt der Mann seiner Frau jeden Respekt, behandelt sie ebenso herablassend wie alle anderen Nebenfiguren und fragt sarkastisch, „Do you want a ‚thank you‘?“. Brandy erklärt ihrem Mann daraufhin, sie sei seit Jahren nur der Töchter wegen noch bei ihm.
 
Diese Szene ist kein Teil einer Entwicklung. Richard zeigt in der Szene und auch danach keinerlei Einsicht. Ebenso wie Richards Geschäfts- und Erziehungsmethoden wird auch seine Eheführung bis zum Ende des Films nie in Frage gestellt. Selbst im Abspann wird die Scheidung der Eltern 2002 nicht erwähnt. In diesem Film von 2021 wird also ganz unkritisch und undifferenziert eine Ehefrau gezeigt, die nur der Kinder wegen eine unglückliche und lieblose Ehe fortführt.
 
They need better everything
 
All diese furchtbar altmodischen Botschaften werden uns in einem Film präsentiert, der halbwegs kompetent aber leider nicht besonders gut gemacht ist. Und auch dafür darf man die Schuld zumindest teilweise bei Will Smith suchen. Als größter Star, Zugpferd und Co-Produzent des Projekts hatte er sicher zumindest ein Mitspracherecht bei der Auswahl des Regisseurs. Reinaldo Marcus Green hat bisher gerade mal zwei Spielfilme inszeniert. „Monsters and Men“ war ein kleiner Indepent-Film, den praktisch niemand gesehen hat.
 
„Good Joe Bell“ war ein gutgemeintes Drama, dem ein fehlbesetzter, den Film dominierender Hauptdarsteller mehr geschadet als genützt hat. Und dieser noch recht unerfahrene Regisseur serviert uns hier einen Film, der kaum jemals den richtigen Ton trifft. Bereits eine frühe Szene, in der die Williams-Schwestern Branchenbücher verteilen müssen um ein paar Dollar zum Haushaltseinkommen beizusteuern, lässt einen ratlos zurück. Wir sollen also feststellen, wie arm die Familie ist und wie hart die beiden Mädchen arbeiten müssen. Aber warum wurde die Szene dann so gestaltet, als hätten die beiden jede Menge Spaß an der Arbeit?
 
Was soll die Episode, in der Richard Williams mit einer Waffe loszieht, um sich gegen eine Gang in Compton zur Wehr zu setzen? Sollen wir froh sein, wenn die Gang-Mitglieder von einer dritten Partei erschossen wurden, bevor der „Held“ die Gelegenheit dazu hatte? Und warum besiegen die Williams-Schwestern bei den Junior-Turnieren nur unsportliche, verwöhnte Gören? Wären Siege gegen gleichwertige Gegner nicht irgendwie lohnender und auch spannender?
 
Spannung bei den Tennisszenen sollte man übrigens auch später nicht erwarten. Die eigentlichen Wettbewerbe dramatisch zu gestalten, war immer schon das Schwierigste an Sportfilmen. Wir alle wissen, dass kein Boxer je so geboxt hat, wie „Rocky“ in seinen Filmen. Aber die Kämpfe waren immer großartig inszeniert und daher spannend anzusehen. Die sportlichen Szenen in „King Richard“ sind leider recht schwach inszeniert und werden nie richtig spannend. Venus Williams hatte bereits in jungen Jahren einen extrem kraftvollen, aggressiven Stil. Auf der Leinwand bekommen wir davon kaum etwas zu sehen.
 
Wenn wir nie vermittelt bekommen, wie besonders das Tennisspiel der beiden Williams-Schwestern war und diese beiden faszinierenden jungen Frauen nie richtig kennenlernen, dann ist das sicher nicht die Schuld der Darstellerinnen. Saniyya Sidney („Fences“) und Demi Singleton („Godfather of Harlem“) waren während der Dreharbeiten gerade mal dreizehn und vierzehn Jahre alt, wirken aber viel reifer. Es ist eine Schande, wie Talent und harte Arbeit dieser beiden begabten jungen Darstellerinnen verschwendet werden, weil die Macher des Films den Vater interessanter fanden als ihre Figuren.
 
Aunjanue Ellis („Ray“, „The Help“) macht das Beste aus einer der undankbarsten Rollen ihrer Karriere. Tony Goldwyn („Ghost“) und Jon Bernthal („The Walking Dead“) vermitteln uns, wie frustrierend es gewesen sein muss, geschäftliche Beziehungen zu Richard Williams zu unterhalten.
 
Fazit
 
Ein Film über zwei der besten und faszinierendsten Tennisspielerinnen aller Zeiten stellt ihren Vater in den Mittelpunkt und macht ihn zum Helden. Das ist schon ärgerlich. Die mittelmäßige Regie und die altmodischen Botschaften des Films machen alles noch schlimmer.
 
Nur so eine Idee: wenn man das nächste Mal die Geschichte herausragender Frauen verfilmen will, vielleicht einfach mal Frauen das Drehbuch schreiben, den Film inszenieren und ein paar wichtige Entscheidungen fällen lassen. Das wäre doch zumindest einen Versuch wert, oder?
 
 
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