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Kritik: Catch the Killer

sub kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Ein großer Teil der Spannung dieses neuen Thrillers entsteht aus der Sabotage der Arbeit der Protagonisten durch Entscheidungsträger. Derlei gibt es nicht nur auf der Leinwand zu beobachten ...
 
29 victims. Every shot found its mark.
 
Silvesterabend in Baltimore. Akustisch getarnt durch das Feuerwerk fallen Schüsse. Menschen kommen gewaltsam ums Leben. Die junge Streifenpolizistin Eleanor ist als erste an einem der Tatorte. Die Polizei stellt fest, alle Schüsse wurden aus dem gleichen Fenster eines Hochhauses abgefeuert. Aber bevor die Wohnung hinter dem Fenster gestürmt werden kann, explodiert ein Sprengsatz. Wieder ist Eleanor als erste vor Ort. Das bemerkt auch der erfahrene FBI-Beamte Lammark ...
 
Manchmal möchte man als Filmkritiker auch Hintergründe zu Filmen vermitteln. Etwa als ich versucht habe zu erklären, warum man „Joker“ bereits vor dem Start als Meisterwerk gefeiert hat, während „Cats“ keine Chance hatte, sein Publikum zu überzeugen. „Catch the Killer“, der Film um den es in dieser Rezension gehen soll, hat jetzt bereits kaum noch eine Chance, sein Publikum zu finden. Dabei müsste das nicht der Fall sein. Damián Szifron ist ein in seiner Heimat Argentinien bekannter Regisseur. Sein Film „Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ war 2015 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. „Catch the Killer“ ist sein erster englischsprachiger Film mit internationaler Besetzung. Und Szifron macht als Regisseur von Anfang an vieles richtig. Leider macht er als Drehbuchautor zusammen mit seinem Co-Autor Jonathan Wakeman vieles falsch.
 
 
Der Film fängt großartig an. Die Morde werden schnell und schnörkellos aber eindrucksvoll gezeigt. Tödliche Gewalt geschieht plötzlich und zerstört Leben, nicht nur das der Ermordeten. In einer kurzen Szene, die man beinahe übersehen kann, lenkt die junge Heldin die Frau eines Mordopfers ab, indem sie diese an ihre Tochter erinnert. Das Timing des Sprengsatzes lässt schnell erkennen, der Mörder spielt mit der Polizei.
 
Aber schnell lässt das Drehbuch Schwächen erkennen. Traum- oder Fantasiesequenzen sind selten ein Zeichen für besonderen Einfallsreichtum der Autoren. „Catch the Killer“ liefert bereits früh im Film eine solche einfallslose Sequenz, die an der Stelle nichts zu suchen hat und nirgendwohin führt. Das Zusammentreffen der jungen Polizistin und des erfahrenen Ermittlers läuft dann auch ab, als hätte man es anhand eines Baukastens „Drehbuchschreiben für Anfänger“ zusammengesetzt.
 
Nirgendwo wird die Einfallslosigkeit der Autoren deutlicher als in der Hauptfigur, der jungen Streifenpolizistin Eleanor. Jedem Filmfan ist von Anfang an klar, welches Vorbild diese Figur hat. Ein erfahrener FBI-Agent zieht eine junge, unerfahrene Beamtin hinzu, weil sie aufgrund ihrer eigenen Geschichte einen Zugang zu der Denkweise des Killers hat. Aber ihre Vergangenheit hat der jungen Frau auch emotionale Probleme beschert, denen sie sich im Laufe des Films stellen muss. Wir alle kennen diesen Film. Ich habe ihn 1991 bei der Erstaufführung im Kino gesehen und schätze auch die Fortsetzung von 2001. Das Prequel von 2002 war nicht schlecht, ein weiteres von 2007 war vernachlässigbar.
 
Aber wo uns Jodie Foster die Probleme ihrer Figur nach und nach durch ihr Verhalten und in wenigen Gesprächen offenbaren durfte, muss die arme Shailene Woodley mehr als dreißig Jahre später eine Schubkarre voll überdeutlicher Warnhinweise vor dem Publikum auskippen. Bereits früh im Film sehen wir das Heroinbesteck mitsamt Löffel und Nadel in einer Schublade in der Wohnung der Polizistin. Dann liest uns der FBI-Ermittler die lachhaften Antworten der jungen Frau aus einer – selbstverständlich abgelehnten – früheren Bewerbung beim FBI vor. Sollte sie wirklich erwartet haben, mit diesen Antworten eingestellt zu werden, wäre sie nicht nur emotional gestört sondern auch noch strohdumm.
 
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Wenn die Heldin uns dann noch Narben an den Handgelenken zeigt, wirkt alles so plump, man verliert fast das Interesse an dieser Figur. Wenn diese Narben rot und verstörend frisch aussehen, obwohl sie aus der Zeit vor dem Eintritt in den Polizeidienst stammen sollen, zeigen die Macher neben ihrer Einfallslosigkeit auch noch ihre Ahnungslosigkeit. Das Gleiche gilt, wenn sie die Ermittler nur anhand der Geschosse den genauen Typ des Gewehrs bestimmen lassen. Das ist bei einem so weit verbreiteten Kaliber komplett unmöglich.
 
Leider wollten Damián Szifron und sein Co-Autor Jonathan Wakeman nicht bloß einen Thriller schreiben. Sie wollten auch Kritik an Einflussnahme durch Politik und Medien üben. Die entsprechenden Szenen sind so unbeholfen gestaltet und sämtliche Figuren agieren gleichzeitig so unlogisch und so vorhersehbar, dass sie einem beinahe den ganzen Film verderben.
 
Take your pills, ignore the clowns, fight the jackals
 
Doch das wäre schade. Denn „Catch the Killer“ hat viel mehr zu bieten als eine schlechte Kopie einer bekannten Filmheldin und ungeschickte Gesellschaftskritik. Die Arbeit der Ermittler wird großteils stimmig und realistisch gezeigt. Die Ideen, die zu Durchbrüchen in der Ermittlung führen, ergeben durchaus Sinn und sind nicht allzu weit hergeholt. Das Gleiche gilt für die Vorgeschichte und die Motivation des Killers. Viele Teile von „Catch the Killer“ summieren sich zu einem wirklich intelligenten, kompetent gemachten Thriller.
 
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Einige der Dialoge sind sehr gut geschrieben. Ein Karrierepolitiker bezieht sich auf „Der weiße Hai 2“ und liefert damit eine der besten Zeilen, die wir dieses Jahr im Kino hören werden. Natürlich darf der Killer am Ende ein bisschen zu viel und zu lang erzählen. Aber vieles von dem, was er sagt, klingt sehr viel besser als die üblichen Rechtfertigungsreden in vergleichbaren Filmen.
 
Und es sind vor allem die darstellerischen Leistungen, die den Film immer wieder übers Mittelmaß hinausheben. Relativ unbekannte Talente wie Jovan Adepo („The Stand“, „Watchmen“), Jason Cavalier („Death Wish“) oder Rosemary Dunsmore liefern mit ihren kompetenten Leistungen einen realistischen Hintergrund für die Hauptdarsteller*innen. Ralph Ineson, allen Fans des britischen Originals von „The Office“ wohlbekannt, überrascht mit einer ruhigen, zurückgenommenen Darstellung in einer kleinen, aber wichtigen Rolle.
 
Shailene Woodley hat mich bisher weder in „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ noch in den viel zu vielen Teilen von „Die Bestimmung“ beindruckt. Aber wie sie hier gegen ein teilweise misslungenes Drehbuch anspielt und es trotzdem schafft, uns mit der Heldin mitfühlen, mitfiebern und mittrauern zu lassen, lässt hoffen, dass Woodleys beste Filme noch vor ihr liegen.
 
Der Star des Films ist Ben Mendelsohn. Wer den Australier bisher nur als Bösewicht aus Blockbustern wie „Rogue One: A Star Wars Story“ oder „Ready Player One“ kennt, hat einiges versäumt. Mendelsohn war großartig in der Musicalverfilmung „Cyrano“ und fantastisch in dem Drama „Land der Gewohnheiten“. Hier lässt er uns die Frustration eines hochintelligenten Mannes erfahren, der mit mächtigen Idioten arbeiten muss. Er vermittelt uns Schmerz, Angst und Enttäuschung seiner Figur. Mendelsohns mühelos hervorragende Leistung ist der Hauptgrund „Catch the Killer“ zu sehen. Wenn man das überhaupt kann ...
 
Weiter oben meinte ich, der Film hätte jetzt bereits kaum noch eine Chance, sein Publikum zu finden. Dieser Film wurde vor mehr als zwei Jahren, von Januar bis März 2021, unter dem (passenderen) Titel „Misanthrope“ gedreht. Erst im November 2022 wurde ein internationaler Verleih gefunden, der den Titel zu „To Catch a Killer“ änderte. Unter diesem Titel lief der Film bereits ohne nennenswerte Werbung und daher nur mit geringem Erfolg im April 2023 in einer ganzen Reihe von Ländern wie Israel, Russland, Frankreich, China und so weiter. Selbst in einigen Städten der USA ist der Film bereits im April gelaufen. Allerdings nicht überall in den USA. Fachleute nennen das „limited release“. Damit sollen finanzielle Verluste klein gehalten werden.
 
Seit April ist der Film in einem Dutzend weiterer Länder ohne jeden Werbeaufwand angelaufen: Argentinien, Ukraine, Indien, Australien, ... Sogar in Belgien konnte man den Film bereits im Kino sehen. Wenn man bloß wusste, dass er lief. Die Pressevorführung zu diesem Film fand Anfang Juli statt. In den deutschen Kinos soll er am 05. Oktober 2023 unter dem Titel „Catch the Killer“ anlaufen. Keine Ahnung, warum man „To Catch a Killer“ für Deutschland zu „Catch the Killer“ geändert hat. Ein gutes Zeichen ist diese Änderung sicher nicht; dadurch sind internationale Werbemittel nicht für den deutschen Markt zu verwenden.
 
Ich schreibe diese Zeilen Anfang Juli und weiß jetzt bereits, dass für diesen Film auch in Deutschland kein weiterer Werbeaufwand betrieben werden wird. Vielleicht wird man irgendwo in einem Kino einen Trailer sehen können. Vielleicht hängt in irgendeinem Schaukasten ein Plakat.
 
Ich bitte unsere Leser*innen, diesen Film im Kino zu sehen. Zum einen, weil wir alle ohnehin wieder öfter mal ins Kino gehen sollten. Lasst uns Freunde treffen oder den Film von mir aus auch mit lauter fremden Menschen sehen. Aber lasst uns ins Kino gehen. Zuhause sitzen können wir immer noch wenn wir alt und grau sind. Zum anderen muss das Publikum sich endlich dagegen wehren, Controller und Buchhalter darüber entscheiden zu lassen, welche Filme wir im Kino zu sehen bekommen. Regisseur, Drehbuchautoren, Darsteller*innen und sämtliche Mitwirkende haben nicht verdient, dass Erbsenzähler diesen Film bereits vor über einem Jahr abgeschrieben haben.
 
Fazit
 
Hervorragende Darsteller*innen, eine kompetente Regie und einige originelle Ideen retten den Film, dessen Drehbuch ein bisschen zu viel auf einmal erreichen und gleichzeitig ein bisschen zu schlau sein will. Bitte darauf achten, diesen Film während seiner „limited release“ nicht zu verpassen.
 
 
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