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Kritik: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

 
sub kritik
 
Autor: Peter Osteried
 
Wenn Simon Verhoeven sich realen Stoffen widmet, zeigt er regelmäßig ein feines Gespür für persönliche Brüche und emotionale Wahrhaftigkeit. Bereits mit seinem Film über die Popgeschichte von Milli Vanilli bewies er, dass ihn Biografien weniger als Abfolge von Fakten interessieren, sondern als Innenansichten von Menschen in Ausnahmesituationen.
 
Mit der Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ setzt er diesen Ansatz fort und rückt einen jungen Mann in den Mittelpunkt, der auf der Suche nach sich selbst ist – zwischen familiärer Vergangenheit, künstlerischem Anspruch und der Angst, nicht zu genügen.
 
Ein Leben auf der Bühne
 
Ausgangspunkt der Geschichte ist ein Verlust. Nach dem Tod seines Bruders fasst Joachim einen folgenreichen Entschluss: Er will Schauspieler werden, so wie einst seine Großmutter. Was zunächst wie eine Flucht wirkt, entpuppt sich bald als existenzieller Versuch, dem eigenen Leben eine Richtung zu geben. Joachim bewirbt sich an einer renommierten Schauspielschule in München und wird tatsächlich zum Vorsprechen eingeladen. Gegen alle Zweifel wird er angenommen – doch damit beginnen die eigentlichen Probleme erst. Die Anforderungen des Studiums überfordern ihn, jede Übung wird zur Hürde, jede Aufgabe zur Bewährungsprobe. Während seine Kommilitonen scheinbar mühelos loslassen, scheitert Joachim immer wieder an sich selbst.
 
Parallel dazu lebt er bei seinen Großeltern, zwei ebenso exzentrischen wie liebevollen Menschen, deren Alltag von Ritualen, Eigenheiten und nicht zuletzt einem großzügigen Umgang mit Alkohol geprägt ist. In diesem Haushalt, der gleichermaßen Geborgenheit wie Überforderung bedeutet, prallen Generationen, Lebensentwürfe und emotionale Altlasten aufeinander. Joachim beobachtet, erinnert sich, schreibt auf – und versucht, Ordnung in ein Innenleben zu bringen, das von Trauer, Unsicherheit und einem diffusen Gefühl des Nicht-Dazugehörens bestimmt ist.
 
 
Was ist schon Schauspiel?
 
Der Film stellt dabei auch grundsätzliche Fragen an das System Schauspielausbildung. Was soll durch Übungen erreicht werden, die von den Studierenden verlangen, Alltagsgegenstände oder abstrakte Zustände zu verkörpern? Fördert das tatsächlich Ausdruck und Freiheit – oder erzeugt es zusätzlichen Druck? Während die meisten sich dem Prozess hingeben, blockiert Joachim genau an diesem Punkt. Er kann sich nicht fallen lassen, nicht preisgeben, was in ihm arbeitet. Damit gerät nicht nur seine Ausbildung, sondern sein gesamter Zukunftsentwurf ins Wanken.
 
Verhoeven gelingt es, die beiden Ebenen – das Leben an der Schauspielschule und den Alltag bei den Großeltern – eng miteinander zu verzahnen. Aus Erinnerungen, Beobachtungen und gegenwärtigen Konflikten formt er das Porträt eines jungen Mannes, der zwischen Vergangenheit und Zukunft feststeckt. Erst als Joachim beginnt, seinen Schmerz nicht länger zu verdrängen, sondern ihn anzunehmen, öffnet sich ein neuer Raum. In dem Moment, in dem er es zulässt, dass andere diesen Schmerz spüren, findet er einen Zugang zu seinem Spiel – und zu sich selbst.

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Brillanter Hauptdarsteller
 
Bruno Alexander trägt den Film mit einer eindringlichen, nuancierten Darstellung. Er macht Joachims Widerstand gegen den Schauspielunterricht ebenso greifbar wie dessen Angst vor Nähe und Entblößung. Sein Spiel ist zurückgenommen, verletzlich und gerade dadurch von großer Intensität. Man spürt, wie jede Szene für diese Figur ein innerer Kampf ist – und wie viel Mut es kostet, sich dem Blick der anderen auszusetzen.
 
An seiner Seite glänzen Senta Berger und Michael Wittenborn als Großelternpaar, das zwischen Schrulligkeit und tiefer Zuneigung changiert. Ihre Figuren wirken wie aus der Zeit gefallen, sind überzeichnet und doch vollkommen glaubwürdig. In ihren Dialogen, Wiederholungen und kleinen Gesten entsteht das Bild eines Paares, das über Jahrzehnte zu einer Einheit geworden ist. Solche Altersrollen sind selten, und beide Darsteller nutzen sie mit sichtbarer Freude und großer Präzision.
 
Fazit
 
Auch die Nebenrollen sind prominent besetzt, treten aber bewusst zurück. Kurze Auftritte bekannter Gesichter fügen sich organisch ein und unterstreichen das Thema von Herkunft, Vorbildern und familiären Linien. Mehr als zwei Stunden Laufzeit vergehen dabei erstaunlich schnell. Verhoeven behält Rhythmus und Ton stets unter Kontrolle und führt das Publikum schließlich zu dem Punkt zurück, an dem alles begann: zu den Worten, aus denen dieser Film entstanden ist.
 
 
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