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Kritik: Primate

 
sub kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Einer der wichtigsten Grundsätze der Filmkritik lautet: Man darf einen Film immer nur für das kritisieren, was er tatsächlich ist.
 
Ben, what’s wrong?
 
Die Handlung von „Primate“ ist schnell erzählt: Schimpanse Ben, bisher das geliebte Haustier einer typischen Hollywoodfamilie (alle weiß, attraktiv und wohlhabend, aber ein Elternteil tot), wird mit Tollwut infiziert und bringt daraufhin auf wirklich grausame Art und Weise der Reihe nach einige der dümmsten Protagonisten um, die man außerhalb eines „Abbott und Costello“-Films je gesehen hat.
 
Treue Leser*innen, die jetzt darauf warten, dass ich die strohdumme Handlung weiter kritisiere, muss ich leider enttäuschen. „Primate“ ist ein typischer Horrorfilm, der gleich zwei berühmten Subgenres angehört, einerseits dem Tierhorror und anderseits dem Slasher-Film. Sowohl Horrorfilme ganz allgemein als auch im besonderen diese beiden Subgenres sind nun mal leider nicht für ihre besonders intelligenten Plots bekannt.
 
Klar, alle paar Jahre kommt eine seltene Ausnahme in die Kinos. Beim Tierhorror gab es „Der weiße Hai“ und … naja, … dann wird es schon eng. „Lake Placid“ könnte einem noch einfallen. Aber die Handlungen der meisten Tierhorrorfilme bewegen sich doch eher auf dem Niveau von „Piranha“, „Piranha II“ (in dem die Viecher plötzlich fliegen können) oder „Piranha 3D“ (in dem es dann sogar einige Doppel-Ds zu sehen gab). Und selbst wenn Sir Michael Caine in „The Swarm“ gegen Killerbienen kämpft, Sam Elliott (noch ohne Schnauzer) in „Frogs“ gegen Frösche oder Samuel L. Jackson gegen „Snakes on a Plane“, die Handlungen dieser Filme sind fast immer strohdumm.
 
 
Beim Slasher-Film sieht es nicht besser aus. Hier hat Altmeister Hitchcock mit „Psycho“ vorgelegt und anderthalb Jahrzehnte später hat John Carpenter mit „Halloween“ nachgelegt. Aber selbst diese Meisterwerke bestechen nicht unbedingt durch die Intelligenz ihrer Charaktere. Und über die Handlungen anderer Klassiker des Genres sollte man gar nicht länger nachdenken (Was wollte Jasons Mutter in „Freitag der 13.“ eigentlich erreichen? Und warum widersprechen sämtliche Fortsetzungen dem ersten Teil?).
 
Also wollen wir uns gar nicht lange mit der Handlung aufhalten, die uns keinerlei Erklärung liefert, wie der Tollwuterreger nach Hawaii gelangt ist. Wir halten uns auch gar nicht lange mit den verschiedenen handelnden Figuren auf, unter ihnen der dümmste Tierarzt der Filmgeschichte und jede Menge attraktive junge Menschen, die selbst unter Todesgefahr immer wieder die die Geistesgegenwart von zwischen zwei Glasscheiben gefangenen Fliegen und die Reaktionsgeschwindigkeit von Schlaftabletten zeigen.
 
Was ich hier nun in vier Absätzen erklärt habe, ist für Autor Ernest Riera und Regisseur und Co-Autor Johannes Roberts alles nichts Neues. Zum einen haben die beiden bereits bei „47 Meters Down“ und der Nicht-Fortsetzung „47 Meters Down: Uncaged“ sehr effektiv zusammengearbeitet. Zum anderen kennen die beiden ihre Vorbilder und haben sie durchaus studiert. Das heiße Bemühn, diesen Vorbildern Referenz zu erweisen, wirkt teilweise skurril, so zum Beispiel wenn der Schimpanse wie weiland Michael Myers und Jason Voorhees immer und immer wieder Zeit und Muße hat, bedrohlich im Hintergrund aufzutauchen und wieder zu verschwinden, wenn er seine Opfer doch einfach, … naja, … eben „tollwütig“ angreifen könnte. Es scheint, dieser ganz besondere Tollwuterreger lässt den Wirten gerne geduldig Katz und Maus spielen.
 
You’re gonna be okay (SPOILER)
 
Aber wichtiger als die wirklich strohdumme Handlung ist in einem Tierhorror die Bedrohung, die vom bösen (in diesem Fall: tollwütigen) Tier ausgeht. Und über die kann man wirklich nicht meckern. Offensichtlich ist „Primate“ mit überschaubarem Budget gedreht worden. Ebenso offensichtlich wurde nicht mit einem echten Schimpansen gedreht. Und auch wenn die Puppe und/oder der Schauspieler im Affenkostüm nicht im herkömmlichen Sinne des Wortes „überzeugend“ wirken, so haben es die zum großen Teil praktischen Effekte des Films durchaus in sich und wirken im höchsten Maße bedrohlich und niemals unfreiwillig komisch, wie etwa der als Schimpanse verkleidete Orang-Utan in „Link – Der Butler“ von 1986.
 
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Und so wie es im Tierhorror vor allem um die bedrohliche Wirkung des Tiers geht, so geht es in einem Slasher-Film um möglichst drastische Darstellungen körperlicher Schäden, welche die Opfer erleiden. Und ich sage mal, auch in diesem Bereich gibt es wenig Grund zur Klage. Erst neulich habe ich bei „Five Nights at Freddy´s 2“ das schamhafte Wegschneiden zugunsten der Altersfreigabe kritisiert. Die Macher von „Primate“ lassen keinerlei solche Empfindlichkeiten erkennen. Wer gerne sieht, wie beispielsweise einer Person der Unterkiefer ausgerissen wird und wie diese Person versucht, ohne jeden Unterkiefer irgendwie trotzdem weiter zu atmen (SPOILER: das funktioniert nicht lange), kommt hier auf seine Kosten.
 
Apropos „auf seine Kosten“ kommen: die beiden Autoren Riera und Roberts kennen nicht nur ihre Vorbilder sondern auch ihr Publikum und ihre Vertriebswege. Weil beiden wohl bewusst ist, wie viel öfter ihr Film auf irgendeinem Streaming-Portal gesehen werden wird als im Kino, lassen sie das werte Publikum nicht lange auf die erste Gräueltat des tollwütigen Affen warten. Damit beim Streaming nicht nach 5 Minuten weitergeklickt wird, sehen wir bereits in der ersten Szene, wie schnell und einfach sich so ein menschliches Gesicht vom Schädel trennen lässt. Die Entscheidung, den Film so zu beginnen und die nächsten 20 Minuten dann in einer Art Rückblende zu erzählen, macht deutlich, welchen Einfluss veränderte Sehgewohnheiten mittlerweile auf die Arbeit von Filmemachern haben.
 
Riera und Roberts kennen ihre Vorbilder, sie kennen Ihr Publikum und sie kennen das moderne Filmbusiness. Und auch wenn man die beiden nach „Primate“ nicht unbedingt als „Künstler“ bezeichnen mag, so kann man doch festhalten, beide wissen sehr wohl was sie tun. Und weil sie wissen, wie schnell ständiges Versteckspiel mit einem Affen und von diesem verursachte Verstümmelungen langweilig werden, lassen diese beiden Experten ihren Film nach schaurig ekelhaften, aber angenehm kurzen 89 Minuten bereits wieder enden.
Zwischen dem ganzen Gemetzel und Versteckspiel kann man in weniger als anderthalb Stunden natürlich nicht viel Charakterisierung der Figuren erwarten. Und das ist vermutlich auch besser so, weil man sonst aus dem Kopfschütteln über ihre strohdummen Aktionen und Reaktionen nicht mehr herauskäme. Und so sieht man verschiedene mehr oder weniger unbekannte junge Darstellerinnen wie Johnny Sequoyah, Gia Hunter, Victoria Wyant und Jess Alexander in Rollen die man bloß als „die eine Tochter“, „die andere Tochter“, „die eine Freundin“ und „die andere Freundin“ bezeichnen kann.
 
Die Namen der Darsteller von Rollen wie „der eine Typ aus dem Flugzeug“, „der andere Typ aus dem Flugzeug“ und „der Typ, der nicht mit dem Flugzeug gekommen ist“ sind ebenso vernachlässigbar wie ihre Leistungen. Was Oscarpreisträger Troy Kotsur („CODA“) und den von mir sehr geschätzten Rob Delaney („Nicht Schon Wieder Allein Zu Haus“) zur Mitwirkung an diesem Film bewogen hat, war hoffentlich Geld. Sehr viel Geld. Andernfalls müsste man sich Sorgen um diese beiden Schauspieler machen.
 
Fazit
 
Man darf einen Film immer nur für das kritisieren, was er tatsächlich ist. „Primate“ ist ein strohdummer Tierhorror/Slasher-Film. Gemessen daran, ist „Primate“ ein effektiver und durchaus unterhaltsamer Film. Für Filmfans, die lieber nicht sehen wollen, wie leicht ein Schimpanse seinen Opfern Körperteile aus- und abreißen kann, laufen zurzeit andere Filme im Kino.
 
 
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