Genau genommen dürfte dieser Film gar nicht richtig funktionieren. Eineinhalb Stunden lang hören wir ununterbrochen Dialog. Meistens von der Hauptfigur, wenn Hart dem Barkeeper, dem Pianisten, anderen Bargästen, den Besuchern der Premierenfeier und einer Angebeteten alles Mögliche erklärt. Wer soll sich so etwas denn ansehen? Jeder! Jeder Mensch, dem schon mal das Herz gebrochen wurde. Jeder Mensch, der Einsamkeit kennt. Jeder, der schon mal dastand, „without a dream in my heart, without a love on my own”.
Aber auch jeder echte Filmfan sollte sich das ansehen. Zu gut sind die Dialoge, die Richard Kaplow teils aus Harts Briefverkehr, teils aus anderen Quellen entnommen und zum größten Teil herrlich unterhaltsam erfunden hat. Im Verlauf des Abends liefert Hart dem Autor E.B. White eine amüsante Geschichte über eine Maus, der er den Namen „Stuart“ gibt, rät dem angehenden Regisseur George Roy Hill sich auf Filme über Freundschaft zu konzentrieren und zeigt noch weitere prophetische Einsichten, die man als banalen Fanservice abtun könnte, wenn sie nicht mit so leichter Hand und solch feiner Feder geschrieben wären.
Auch Linklater und die anderen Künstler hinter der Kamera liefern jedem echten Filmfan jede Menge Gründe, diesen Film zu sehen. Großartig arbeitet Linklater mit dem beschränktem Raum. Wie er seine Hauptfigur immer wieder zur Treppe blicken, diese aber nie ganz erklimmen lässt, wie er die meisten anderen Figuren Hart übersehen lässt und ihn trotzdem immer ins Zentrum des Geschehens stellt, wie er das Elegante und doch Enge dieser längst vergangenen Welt einfängt, ist großartig anzusehen. Die Ausstattung ist superb ohne protzig zu sein. Das beginnt bei der Bar selbst, die in einem Studio in Irland nachgebaut wurde, geht weiter über die großartige, elegante Garderobe der handelnden Figuren und endet längst nicht bei den Ärmelhaltern, die der kleingewachsene Hart sicher gebraucht hat und die in diesem Film perfekt auf seine Hosenträger abgestimmt sind.
And when I looked, the moon had turned to gold
Ich gebe zu, ich hatte Bedenken, den von mir sehr geschätzten Ethan Hawke in der Rolle von Lorenz Hart zu sehen. Hart war kaum 1,50m groß und frühzeitig kahl geworden. Der gutaussehende 1,80m große Hawke musste doch eine katastrophale Fehlbesetzung sein, oder etwa nicht? Nun lassen sie es mich so ausdrücken: in einem Film, über einen Menschen, der sich sein Leben selbst schwer gemacht hat, weil er immer viel zu genau hingesehen hat und viel zu kritisch war, rate ich dringend davon ab, allzu genau auf die vielen Kamera- und anderen Tricks zu achten, mit denen Linklater seinem Hauptdarsteller hilft, den viel kleineren Hart dazustellen (Ich selbst habe meinen eigenen Rat übrigens nicht befolgt und habe damit dem großartigen Cocktail dieses Films einige kräftige Wermutstropfen hinzugefügt. It‘s do as I say, not do as I do).
Filmfans, die es schaffen, Linklaters Manipulationen der Perspektive zu ignorieren, erwartet ein darstellerischer Triumph. Ethan Hawke ist seit mehr als drei Jahrzehnten einer der interessantesten und vielschichtigsten Darsteller Hollywoods. Seit „Der Club der Dichter“ hat er in so unterschiedlichen Filmen wie der „Before …“Trilogie, „Gattaca“, „Before the Devil Knows You’re Dead“, dem unterschätzten „Maudie“, aber auch „Black Phone“ brilliert. Dabei bleibt er mit seiner sensiblen Art zu spielen für das Publikum immer nahbar und immer nachvollziehbar.
In „Blue Moon“ ist Hawke keine Fehlbesetzung. Nach wenigen Minuten ist er die einzige mögliche Besetzung! Hawke schafft es schnell, den Höhepunkt der Schauspielkunst zu erreichen, wenn das Publikum nur noch Lorenz Hart sieht und keinen Ethan Hawke mehr. Und gute anderthalb Stunden lang werden wir Zeuge, wie dieser faszinierende Mensch agiert und reagiert, wie er schwadroniert und zuhört, liebt und leidet, hofft und verliert. Und alles was dieser viel zu sensible Mensch aufnimmt und fühlt, nehmen wir mit ihm auf und fühlen es mit ihm. Sanft lächelnd haben wir Tränen in den Augen. Und wenn Lorenz Hart seinen Hut nimmt und sich verabschiedet, möchten wir ihn festhalten und nicht gehen lassen. Nicht nur weil wir wissen, wie kurz sein Leben nur noch sein wird. Sondern weil wir wissen, dass auch er es weiß.
Wenn der Rest der Besetzung neben dieser Meisterleistung nicht verblasst, dann ist das unter anderem Linklaters Geschick beim Casting zu verdanken. Bobby Cannavale, sonst für nicht eben subtile Darstellungen in Filmen wie „Ant-Man“ oder „I, Tonya“ bekannt, ist hier als Ideal eines Barkeepers großartig besetzt. Andrew Scott war vor zwei Jahren bezaubernd in „All of us Strangers“. Hier lässt er uns Richard Rodgers‘ Frustration im Umgang mit dem langjährigen Kreativpartner erfahren. Margaret Qualley („The Substance“) lässt uns hier den Hauptgrund für ihren Erfolg der letzten Jahre erkennen: sie wirkt einfach wie einer der großen weiblichen Hollywoodstars der Neunzehnhundertvierziger Jahre. Die naive, altkluge Grausamkeit ihrer Darstellung bietet den perfekten Gegenpol zu weisen, fragilen Sensibilität Ethan Hawkes.