Kritik: Bullet Train

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Kritik: Bullet Train


 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Nach „John Wick“, „Deadpool 2“ und „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“ bringt David Leitch nun seinen vierten Film heraus. Was bietet „Bullett Train“ Neues?
 
Stayin‘ Alive
 
Mehrere Auftrags- aber auch Amateurkiller*innen treffen in einem japanischen Hochgeschwindkeitszug aufeinander. Weil die Damen und Herren Mörder allesamt nicht zu den hellsten Kerzen im Lüster gehören und weil in der Welt dieses Films lächerlich haarsträubende Zufälle die Regel und nicht die Ausnahme bilden, geht es bald drunter und drüber. Es wird gekämpft, gemordet und gestorben und nach 127 Minuten ist alles vorbei und das ist auch gut so und wäre sogar noch besser, wenn das Ganze ein bisschen unterhaltsamer gewesen wäre …
 
Aufmerksame Leser*innen wissen, wenn ein Film nicht viel hergibt, schreibe ich gerne auch mal über Themen die mit dem zu rezensierenden Film bestenfalls am Rande zu tun haben. Ich schreibe gerne mal zunächst über alte und bessere Filme als den zu rezensierenden. Manchmal schreibe ich auch über Autos oder Hunde. Und wenn mir nichts mehr einfällt, schreibe ich auch gerne über meine Frau oder Eva Green. Eine der beiden Damen ist atemberaubend und hat dieses gewisse Etwas. Die andere hat in „Casino Royale“ mitgespielt.
 
 
And here we go again …
 
Hal Needham war mehr als zwanzig Jahre einer der besten Stuntmen Hollywoods und hat in mehreren Filmen Burt Reynolds gedoubelt. Die beiden wurden auch privat die besten Freunde und so war es für Reynolds Ehrensache, die Hauptrolle in Needhams erstem Film als Regisseur zu übernehmen. „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ wurde der zweiterfolgreichste Film des Jahres 1977 und der Rest, so könnte man sagen, ist Filmgeschichte. Burt Reynolds spielte auch noch in Needhams zweitem, sechstem und achtem Film mit. Und weil Burt aus Freundschaft auch noch unbedingt in „Der rasende Gockel“ mitspielen musste, bekam Jack Nicholson die ursprünglich für Reynolds gedachte Rolle des ehemaligen Astronauten in „Zeit der Zärtlichkeit“ und dafür seinen zweiten Oscar.
 
David Leitch war mehr als zwanzig Jahre einer der besten Stuntmen Hollywoods und hat in mehreren Filmen, wie z.B. „Spy Game“ oder „Ocean’s Eleven“ Brad Pitt gedoubelt. Pitt hatte bereits in Leitch’s zweitem Spielfilm „Deadpool 2“ einen der witzigsten Auftritte seiner Karriere.
 
Weil Autos beweglicher sind, können Actionszenen in, um und mit Autos auf eine Vielzahl von Arten gestaltet werden. In, um und mit Zügen kommen immer nur die gleichen zwei Standardsituationen zum … naja … Zug: Im Zug wird gekämpft. Dabei schubst man einander immer wieder gegen Zugwände und –fenster. Oder jemand hängt sich an einen fahrenden Zug, um in denselben zu gelangen. Mehr gibt es in, um und mit Zügen in Filmen leider nicht zu tun. Deshalb hat es sich auch bewährt, in Filmen wie „Liebesgrüße aus Moskau“ oder „Mission: Impossible“ bestenfalls eine oder zwei Actionsequenzen in, um oder mit einem Zug zu zeigen. Ein ganzer Actionfilm in, um und mit Zug würde schnell langweilig.
 
01 ©2022 Sony Pictures02 ©2022 Sony Pictures03 ©2022 Sony Pictures04 ©2022 Sony Pictures
 
An Hunden schätzen wir, dass sie immer das gleiche Verhalten zeigen. Wenn man heimkommt, freuen sie sich. Wenn man sie ruft, kommen sie (oder nicht). Und wenn man was zum Essen dabei hat, sind sie plötzlich brav. Bei Schauspielern wird es irgendwann langweilig, wenn sie bloß das machen, was sie seit langem immer wieder machen.
 
Nachdem ich nun über alte Filme, Autos und Hunde geschrieben habe, fehlen nur noch Eva Green und meine Frau. Eva Green hätte „Bullett Train“ enorm aufgewertet. Woher ich das weiß? Eva Green wertet jeden Film auf, in dem sie mitspielt. Und „Bullett Train“ hätte diese Aufwertung brauchen können. Ach ja, meine Frau lässt schön grüßen.
 
Warum habe ich nun fünfhundert Wörter über alte Filme, Autos, Hunde, Eva Green und meine Frau geschrieben und dabei „Bullett Train“ bloß am Rande erwähnt? Weil dieser Film für eine Rezension kaum genug hergibt. Der Film ist nicht schlecht genug für einen Verriss. Er ist aber sicher nicht gut genug für eine Empfehlung. Dieser Film existiert irgendwie auf einer Ebene kompetenter Mittelmäßigkeit, die einfach nur langweilig ist.
 
Der Film ist eine Actionkomödie. Aber nichts an diesem Film ist wirklich witzig. Ich habe von Drehbuchautor Zak Olkewicz bisher noch nichts gehört oder gesehen. Angeblich hat er zuvor bereits das Drehbuch zu einem Film namens „Fear Street Teil 2: 1978“ verfasst, der mir bisher auch komplett unbekannt war. Olkewicz’ Dialoge klingen zunächst irgendwie witzig, bis man bemerkt, dass es keinen Grund gibt, über sie zu lachen.
 
Beispiel gefällig? Bitteschön (ACHTUNG SPOILER!): Zwei Kämpfende werden von einer Servicekraft der Bahngesellschaft unterbrochen. Die Dame mit dem Getränkewagen achtet nicht auf die blutenden Wunden der beiden derangierten, atemlosen Männer und bietet Getränke an.

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Ladybug: Do you have anything sparkling? (Er erhält eine Flasche Wasser) Thank you. Domo arigato. (Die Servicekraft verlässt das Abteil. Ladybug wendet sich an seinen Kontrahenten ) Sure you don’t want to talk this out?
 
Tangerine: Not particularly, no.
 
Ladybug: OK (wirft die Wasserflasche nach dem Gegner)
 
Diese kurze Sequenz ist nicht nur absolut typisch für den Film. Der internationale Verleih hält sie für rasend komisch und einen Höhepunkt des Films, weshalb sie in jedem Trailer vorkommt.
 
Aber „Bullett Train“ ist ja keine einfache Komödie, sondern eine Actionkomödie. Wie sieht es also mit der Action aus? Wie erwähnt, gibt es nur so und so viele Möglichkeiten, wie zwei Menschen in einem Zug aufeinander losgehen können. Und nach „Liebesgrüße aus Moskau“, „Leben und Sterben lassen“, „Silver Streak“, „Der Spion der mich liebte“, „Under Siege 2“, „Broken Arrow“, „Knight and Day“, „Snowpiercer“, „Spectre“ (was hat James Bond eigentlich immer mit Zügen?), „The Equalizer 2“ und vielen anderen Filmen hält „Bullett Train“ leider nichts Neues für uns bereit. Natürlich ist alles recht blutig. Wir haben 2022 und das Ganze ist freigegeben ab 16. Natürlich ist alles recht plastisch. Wir haben 2022 und CGI macht vieles möglich. Aber neu, spannend oder auch nur unterhaltsam ist die Action kaum.
 
Holding out for a Hero
 
Andere Filmjournalisten haben bereits berichtet, Superstar Brad Pitt hätte 95% seiner Stunts selbst durchgeführt. Nähern wir uns dieser Aussage doch mathematisch. Das würde bedeuten, Brad Pitt wäre nur in einer von zwanzig Actionszenen gedoubelt worden. Seine Figur ist aber in nicht mehr als zehn Actionszenen zu sehen.
 
Gut, dann wurde Herr Pitt eben nur in einer halben von zehn Actionszenen gedoubelt. Welche halbe Szene wäre das gewesen? Die Hälfte der ersten Nahkampfszene, in der man Pitt nur in schnell geschnitten Einstellungen sieht, wie er einen Gegner festhält oder wegdrückt? Hier hatten weder Pitt noch irgendein Stuntman viel zu tun. Für das bisschen Action sorgen Kamera und Schnitt. War es vielleicht die Hälfte der Szene, in der Brad Pitt vor einer Green- oder Bluescreen von einer Windmaschine angeblasen wurde, damit es so aussieht als würde er aus einem fahrenden Zug hängen? Green- oder Bluescreen kann es herzlich egal sein, ob die Windmaschine einen Stuntmen oder Herrn Pitt persönlich anbläst. War es vielleicht seine zweite Nahkampfszene, die weniger als eine Sekunde dauert? Oder war es die Hälfte der Szene, in Pitt durch einen computergenerierten, auseinanderbrechenden Zug stürzt?
 
Es tut mir schrecklich leid, aber Brad Pitts Figur ist in diesem Film in keiner einzigen echten Stunt-Szene zu sehen. Brad Pitt ist kein Douglas Fairbanks, kein Burt Lancaster und kein Jean Paul Belmondo. Wir haben 2022 und „Stunts“ entstehen vor Green- oder Bluescreens in der Behaglichkeit und Sicherheit großer Filmstudios (es sei denn, der Star heißt Tom Cruise). Gerade bei Filmen großer Studios muss sich niemand mehr in Gefahr begeben. Wirklich gut gemachte Actionfilme lassen uns das vergessen. „Bullett Train“ erinnert leider immer wieder daran.
 
Auch Darstellerisch begibt sich Pitt niemals in Gefahr. Er verlässt kaum jemals seine Komfortzone. Pitt hat in Filmen wie „The Tree of Life“ oder „Fury“ gezeigt, was er kann. Hier werden wir eher an „The Mexican“, „Ocean’s Eleven“ und „Mr. & Mrs. Smith“ erinnert.
 
Joey King wirkte als junges Mädchen ganz bezaubernd in Filmen wie „White House Down“ oder „Wish I was here“. Und als junge Dame wirkt sie immer noch bezaubernd in diesem Film. Da die Überraschung hinter ihrer Figur leider viel zu früh aufgedeckt wird, funktionieren der Charakter und damit auch Kings Darstellung für den Rest des Films mehr schlecht als recht.
 
Aaron Taylor-Johnson war großartig in „Kick-Ass“ und konnte sich auch in „Godzilla“ behaupten. Brian Tyree Henry kennen wir bisher hauptsächlich aus Nebenrollen in „Hotel Artemis“ oder „Joker“. Beide machen das Beste aus ihren eindimensionalen, nicht fertiggeschriebenen Rollen.
 
Michael Shannon kennen wir als Wahnsinnigen aus „Shape of Water“ oder als Mörder aus „The Iceman“ oder als Verbrecherboss aus „Man of Steel“. Hier spielt er einen mörderischen, wahnsinnigen Verbrecherboss. Und er spielt ihn genauso wie man sich einen mörderischen, wahnsinnigen Verbrecherboss vorstellt und kein bisschen anders.
 
Zazie Beetz hat mit Regisseur Leitch bereits in „Deadpool 2“ zusammengearbeitet. Hier hat sie sehr oft jemanden als „bitch“ zu bezeichnen. Das war es dann auch schon, was es über ihre Leistung hier zu berichten gäbe.
 
Im Englischen gibt es den Begriff „to phone in“. Das Cambridge Dictionary beschreibt: „If someone phones in a performance, they do it without any effort“. Sandra Bullocks Stimme ist während des größten Teils des Films nur am Telefon zu hören. Zu sehen ist sie nur in einer einzigen Szene. Enough said.
 
Fazit
 
Bullett Train“ ist generisch und leider kein bisschen originell. Der Film ist durchaus kompetent gemacht, bietet aber rein gar nichts Neues. Statt sich sowas anzusehen, kann man sich auch mit alten Filmen, Autos, Hunden, Eva Green oder wahlweise mit einem Mann oder einer Frau beschäftigen. Das Leben ist zu kurz für mittelmäßige Filme.
 
 
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