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Kritik: Bones And All

 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Wenn man in nächster Zeit mal einen interessanten Kinoabend verbringen will, allein oder besser noch in Begleitung, könnte man Tickets für ein Kannibalen-Horror-Indie-Drama-Liebes-Roadmovie kaufen. Man würde eine Überraschung erleben ... 
 
Life’s such a treat and it’s time you taste it
 
Irgendwo in der amerikanischen Provinz in den Achtzigerjahren: Maren ist erst seit kurzer Zeit auf ihrer High School. Sie möchte gerne mit den anderen Mädchen feiern. Aber aus irgendeinem Grund lässt ihr Vater sie nicht alleine aus dem Haus. Die Tür ist versperrt und sogar ihr Fenster ist verschraubt. Aber Maren kann sich trotzdem davonschleichen. Ihr Hunger nach Leben ist zu groß ...
 
Zwei wichtige Punkte vorweg: Erstens, ich rate jedem echten Filmfan dringend, sich „Bones and All“ anzusehen. Zweitens, ich rate ausdrücklich davon ab, sich über den Inhalt und die Story zu informieren. In einer Zeit formelhafter Einheitsfilme, wo selbst Größen wie David Cronenberg absolut vorhersehbare Drehbücher verfilmen, sind echte Überraschungen auf der Leinwand selten und wertvoll geworden. Ich kann den geneigten Leser*innen nur raten, sich nicht selbst um ein rares Vergnügen zu bringen.
 
 
„Bones and All“ ist der seltene Fall, in dem ein echter Filmkünstler keinerlei Dünkel oder künstlerisches Kalkül bei der Auswahl einer Vorlage gezeigt und sich bemüht hat, einen Stoff einfach nur so gut als irgend möglich zu verfilmen. Regisseur Luca Guadagnino („Call Me by Your Name“) hat für die Arbeit vor und hinter der Kamera sowohl unbekannte als auch bekannte Namen engagiert, die alle eines gemeinsam haben: jeder von ihnen macht einen fantastischen Job.
 
Wenn man den Film sieht, stell sich jede einzelne Entscheidung der Macher von „Bones and All“ auf der Leinwand als genau die Richtige heraus. Andere Regisseure hätten Camille DeAngelis Vorlage als zahme Young-Adult-Horrorgeschichte verfilmt oder schlimmer noch als Splattermovie. Aber die Macher dieses Films scheren sich nicht um Genres oder Vorbilder. Wenn der Film an andere Filme erinnert, dann nur in einzelnen Aspekten oder wenigen Szenen. Und dann kommen einem nur Meisterwerke in den Sinn, wie „Zabriskie Point“, „Badlands“ oder „Nomadland“.
 
Ein anderer Drehbuchautor hätte vielleicht versucht, uns Teile der Handlung zu erklären, die nicht zu erklären sind und nicht erklärt werden müssen. Aber David Kajganich („A Bigger Splash“) wiegt uns wenige Minuten in Sicherheit und reißt uns dann den Boden unter den Füssen weg. Zusammen mit der verwirrten Maren verstehen wir nichts mehr und zusammen mit der jungen Frau müssen wir auf eine Reise gehen, auf der wir bald manches erfahren und anderes zu spät lernen.
 
01 ©2022 Warner Bros Pictures02 ©2022 Warner Bros Pictures03 ©2022 Warner Bros Pictures04 ©2022 Warner Bros Pictures

Andere Produzenten hätten zugunsten des Jugendschutzes auf Grausamkeiten verzichtet oder sich für FSK 16 entschieden und uns mit Blut und Körperteilen geschockt. Aber die Produzenten rund um Marco Colombo (sonst vor allem für Billigproduktionen wie „90210 Shark Attack“ bekannt) haben den Kreativen freie Hand gelassen. Und so sehen wir blutende Wunden, wo blutende Wunden zu sehen sein müssen, um an anderer Stelle nur kurze Bilder im Schatten oder bloß die Auswirkungen von Gewalt gezeigt zu bekommen. An einer Stelle sehen wir statt Grausamkeit Familienfotos und wissen doch, was gerade passiert. So wirkt die Gewalt immer realistisch und verkommt nie zu einem bloßen Schauwert.
 
You got to live like you're on vacation
 
In einem geringeren Film hätte man die weibliche Hauptrolle an irgendeine hübsche, junge Schauspielerin vergeben und sie dann hübsch und jung sein lassen. Aber die durchaus hübsche und junge Taylor Russell zeigt hier in einer einzigen Rolle eine größere Bandbreite als in ihrer gesamten bisherigen Karriere. In meiner Rezension zu „Escape Room 2: No Way Out“ habe ich die junge Darstellerin nicht einmal namentlich erwähnt, obwohl sie auch dort die Hauptrolle gespielt hat. So wenig Eindruck hat sie damals bei mir hinterlassen.
 
05 ©2022 Warner Bros Pictures06 ©2022 Warner Bros Pictures07 ©2022 Warner Bros Pictures08 ©2022 Warner Bros Pictures
 
Hier trägt Taylor Russell praktisch diesen ganzen besonderen und schwierigen Film auf ihren schmalen Schultern. Sie wirkt gleichzeitig zerbrechlich und gefährlich, verwirrt und entschlossen. In ihrer unpassenden, billigen Kleidung sitzt sie breitbeinig da, lässt ihre Nase laufen und vermittelt uns ständig das Getriebene, das gefährliche Wilde, das in ihrer Figur lebt.
 
Timothée Chalamet hat in einigen seiner letzten Filme vor allem verträumt und hübsch ausgesehen. In „Dune“ hat er zuletzt verträumt, hübsch und sandig ausgesehen. In „Bones and All“ zeigt Chalamet wieder was er kann. Der Mann, der in „Lady Bird“ ein fantastischer Drecksack war und in „Call Me by Your Name“ ein noch besserer Liebender, ist hier ein großartiger liebender Drecksack. Auch er zeigt eine enorme Leistung wenn er gleichzeitig ein kleiner Gauner und ein Monster ist, das keines sein möchte. Dabei übertreibt Chalamet nie und spielt seine Figur immer nachvollziehbar.
 
Mark Rylance („Dunkirk“, „Bridge of Spies“) ist einer dieser großartigen, britischen Theaterschauspieler, die man immer dann besetzt, wenn jemand in einer Nebenrolle glänzen soll. Und Rylance glänzt in „Bones and All“. Und wie er glänzt. Fast überstrahlt er alles andere in seinen Szenen. Wie auch die beiden Hauptdarsteller verkörpert er die Ambivalenz der menschlichen Natur, wenn er gleichzeitig erbärmlich und bedrohlich wirkt, ängstlich und bestialisch, traurig und furchterregend.
 
In vielen Filmen werden kleinere Rollen mit austauschbaren Kleindarstellern besetzt. Hier sehen wir den genialen und stets verlässlichen Michael Stuhlbarg („A Serious Man“) zusammen mit einem unbekannten Darsteller, der sich als Regisseur David Gordon Green („Halloween Ends“) herausstellt. Ihre gemeinsame Szene sollte als Grundlage für einen eigenen Film mit den beiden dienen.
 
In einer kleinen, aber wichtigen Rolle sehen wir Jessica Harper, Star solcher Klassiker wie „Das Phantom im Paradies“ und „Stardust Memories“. Die großartige Chloë Sevigny („Kids“, „Boys Don’t Cry“) ist in ihrer einzigen Szene kaum zu erkennen, hat nur eine einzige Zeile Dialog und hinterlässt trotzdem den nachhaltigsten Eindruck aller Darsteller*innen dieses Films. 
 
Fazit
 
Es braucht gar nicht viel für ein anspruchsvolles, originelles, gelungenes Kannibalen-Horror-Indie-Drama-Liebes-Roadmovie: nur großartige Künstler, die alle hervorragende Arbeit machen. Und genau das sehen wir in diesem Film.
 
 
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