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Kritik: Next Goal Wins

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Autor: Walter Hummer
 
Taika Waititi ist mit seinem durchaus gelungenen letzten Film, „Thor: Love & Thunder“ an einigen Stellen in die Ironiefalle getappt. Ist ihm mit seinem neuen Film Ähnliches passiert?
 
Inspired by true events
 
Die Fußballnationalmannschaft von Amerikanisch-Samoa ist die Schlechteste der Welt. Dieses Team hat nicht nur noch niemals ein Länderspiel gewonnen. Es hat mit 31:0 (in Worten: Einunddreißig zu Null) die höchste Niederlage in der Geschichte der FIFA kassiert. Der Verbandschef sucht daher einen neuen Trainer, jemanden von außerhalb der Insel, mit internationaler Erfahrung. Gleichzeitig verliert Thomas Rongen nach einer Reihe persönlicher Verluste auch noch seinen Job als Trainer der US-amerikanischen Fußballnationalmannschaft. Und wir wissen bereits, wie die Geschichte weiter gehen wird ...
 
Genreparodien können etwas Wunderbares sein. Einige der witzigsten Filme der Filmgeschichte sind Genreparodien: „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“, „Frankenstein Junior“, „Das Leben des Brian“ und viele mehr. Aber Genreparodien sind in gewisser Weise den Regeln und Grenzen des Genres unterworfen, das sie parodieren. Man kann diese Regeln biegen und die Grenzen überschreiten. Würde man diese Regeln aber komplett brechen und die Grenzen komplett verlassen, würde die Parodie nicht mehr richtig funktionieren.
 
Die „Puttin‘ On The Ritz“-Nummer in „Frankenstein Junior“ oder die Sequenz mit dem Raumschiff in „Das Leben des Brian“ sind zum Schreien komisch. Aber diese kurzen Einlagen funktionieren nur, weil sie eben genau das sind: kurze Einlagen. Der ganze Rest dieser beiden Meisterwerke bewegt sich stets innerhalb der Grenzen seiner jeweiligen Genre-Vorbilder. „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ ist gerade deshalb einer der witzigsten Filme aller Zeiten, weil darin mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit der größte Unsinn innerhalb der engen Grenzen des Genres betrieben wird.
 
 
An Taika Waititis neuem Film ist einiges zu kritisieren. Und fast jeder dieser Kritikpunkte lässt sich auf die Grenzen, Regeln und Beschränkungen einer Genreparodie zurückführen. Dabei sollte man meinen, Waititi hätte sich mit dem Sportdrama eines der am leichtesten zu parodierenden Genres überhaupt ausgesucht. Aber trifft diese Annahme tatsächlich zu?
 
Sportdramen sind fast durch die Bank so lächerlich vorhersehbar, dass sie ohnehin bereits fast Parodien sind. Die ewigen Verlierer, die nur jemanden brauchen, der an sie glaubt, ... die Krisen, die durch motivierende Reden schnell überwunden werden, ... die übermächtigen, viel besser vorbereiteten Gegner, die der ungewohnten Energie der Underdogs nichts entgegenzusetzen haben, ... all das ist schon sehr lächerlich und furchtbar vorhersehbar. Ich halte „Rocky“ für einen der besten Filme aller Zeiten. Aber wie wenig es gebraucht hätte, dass selbst dieser Klassiker lächerlich geworden wäre, haben seine Fortsetzungen immer deutlicher und deutlicher gemacht.
 
Es ist also gar nicht so einfach, ein Genre zu parodieren, das ohnehin bereits fast eine Parodie seiner selbst ist (unter anderem deshalb gibt es nur drei wirklich gelungene Parodien auf die James-Bond-Filme). Und Taika Waititi macht es sich noch zusätzlich schwer. Zusammen mit Co-Autor Iain Morris („The Inbetweeners“, „What We Do In The Shadows“) arbeitet er nicht mit Pointen und sorgt nicht für offensichtliche Lacher. Das Drehbuch arbeitet mit einem für eine Genreparodie ungewöhnlich stillen Humor.
 
01 ©2023 20th Century Studios02 ©2023 20th Century Studios06 ©2023 20th Century Studios07 ©2023 20th Century Studios
 
Bei „Next Goal Wins“ muss das Publikum sich der Genrevorbilder stets bewusst sein und die Klischees selbst sofort bemerken. Und selbst dann wird es zwar gelegentlich schmunzeln aber nur sehr selten laut auflachen, wenn Waititi das Klischeehafte der Szene nur leicht überdehnt, statt es mit einem lauten Knall zu brechen um dafür einen Lacher zu ernten. Das ist ein interessanter und vor allem mutiger Ansatz. Denn eine Genreparodie ist immer noch eine Komödie. Und sich eine Komödie von einem der witzigsten Filmemacher unserer Zeit im Kino anzusehen und kaum jemals einen echten Lacher im Saal zu hören, ist eine ungewöhnliche Erfahrung.
 
Dass dieser Film auch noch „inspired by true events” ist, hilft auch nicht. Man kann es gar nicht oft genug betonen: das Leben schreibt eben NICHT die tollsten Geschichten. Das Leben folgt auch immer und immer wieder den gleichen Mustern. Das lässt „Next Goal Wins“ nicht spannender werden. Waititi ist hier in eine ähnliche Falle getappt wie zuletzt Robert Zemeckis, der mit „The Walk“ und „Willkommen in Marwen“ zwei passable Spielfilme über wahre Geschichten gedreht hat, die zuvor bereits in viel besseren Dokumentarfilmen erzählt wurden. Die großartige Doku aus dem Jahr 2014 trägt übrigens den identischen Titel, „Next Goal Wins“.
 
You should eat first and then get angry
 
Ein weiteres Problem des Drehbuchs ist, dass es zu viel will und – wiederum aufgrund der Beschränkungen des Genres – nicht genug erreicht. Die Bewohner der Insel lassen im Dialog immer wieder kurze Bemerkungen fallen, die sicher einen interessanten Einblick in das ganz besondere Leben dieser Menschen geben könnten, ... wenn sie bloß irgendwohin führen würden. Ich wollte während des Films unbedingt mehr davon sehen, wie jeder Bewohner dieses kleinen Landes mehrere Jobs übernehmen muss, weil sie eben nur so wenige sind. Ich wollte mehr erfahren, wie wichtig es ist, bei allem was man tut, glücklich zu sein.
 
Leider lassen es die Grenzen und Regeln des Sportdramas nicht zu, die langweilige, vorhersehbare Haupthandlung lang genug hinter sich zu lassen, um die viel interessanteren Nebenfiguren richtig kennenzulernen. Waititi zeigt uns faszinierende Charaktere, jeder einzelne sehr viel interessanter als das wandelnde Klischee das als Hauptfigur dient. Und jeder dieser Charaktere bekommt vielleicht zwei, höchstens drei Szenen zugestanden, die er dann auch noch immer mit der furchtbaren Hauptfigur teilen muss.
 
Damit wird Waititi nicht nur diesen interessanten Charakteren sondern auch den Darsteller*innen nicht gerecht. Ich hätte gerne mehr gesehen von Oscar Knightley in seiner Rolle als Chef des erfolglosesten Fußballverbands der Welt. Knightley spielt diesen Menschen, dem Freude an jedem seiner Jobs wichtiger ist als Erfolg in bloß einem davon, mit einer rührenden Gelassenheit, die man vielleicht nur nach einer langen Reihe von Misserfolgen entwickeln kann.
 
Es ist eine Schande, wenn der Film dem Torhüter Nicky Salapu nur drei kurze Szenen gönnt. Jeder Film- aber auch Sportfan hätte doch gerne erfahren, wie das Leben eines Menschen aussieht, der seinen Sport über alles liebt und gleichzeitig damit umgehen muss, den Rekord für die weltweit größte Niederlage in der Geschichte dieses Sports zu halten. Vielleicht hätte uns Darsteller Uli Latukefu etwas davon vermitteln können. Wir werden es nie erfahren.
 
Rachel House war wirklich witzig als Topaz in Waititis „Thor: Tag der Entscheidung“. Warum darf sie in Waititis neuem Film zusammen mit David Fane, Beulah Koale, Sisa Grey und anderen nur Stichworte liefern? Wenn „Next Goal Wins“ die Geschichte eines Teams erzählen will, warum sind sämtliche Darsteller*innen in Nebenrollen kaum mehr als Statisten?
 
Deutlich zu viel vorgenommen hat sich Waititi mit der Figur der Faʻafafine Jaiyah Saelua. Sie war tatsächlich die erste offen transgender lebende Person, die je für eine Nationalmannschaft gespielt hat. Man möchte am liebsten einen eigenen Film nur über diese faszinierende Frau sehen. Denn in diesem Film erfährt man praktisch nichts über sie und ihr Leben. Das ist einfach nicht fair gegenüber dem realen Vorbild Jaiyah Saelua. Und es ist auch einfach nicht fair gegenüber ihrer sympathischen Darstellerin Kaimana.
 
All diese hochinteressanten Figuren werden immer wieder links liegen gelassen, weil es in Sportdramen leider immer nur eine Hauptfigur gibt und Taika Waititi sich auch hier sklavisch an die Regeln des Genres hält. Leider ist diese Hauptfigur des Trainers Thomas Rongen in absolut jeder Hinsicht furchtbar. Diese Figur ist furchtbar unsympathisch, ist furchtbar geschrieben und wird von Michael Fassbender furchtbar dargestellt.
 
Im Dokumentarfilm von 2014 haben wir Thomas Rongen als willensstarken, sicherlich nicht einfachen Menschen kennengelernt. In Waititis Spielfilm ist Thomas Rongen einfach ein Arschloch. Egozentrisch, stumpf, jähzornig, unsensibel, unempfänglich für die kulturellen Unterschiede und unzugänglich für die großartigen Menschen um ihn herum, ist dieser Typ einfach nur ein Arschloch.
 
Natürlich muss eine furchtbare Figur nicht immer furchtbar geschrieben werden. Die Liste der Drehbücher über furchtbare Figuren, die nicht furchtbar geschrieben wurden, ist lang. Aber hier haben Waititi und sein Co-Autor Iain Morris es offensichtlich nicht geschafft, sich an bekannten Vorbildern zu orientieren. Und daher ist die Hauptfigur ihres Films noch in der ersten Halbzeit des entscheidenden Spiels ein egozentrisches, stumpfes, jähzorniges Arschloch. Die plötzliche Wandlung vom Saulus zum Paulus in der Halbzeitpause ist daher lächerlich, ohne zum Lachen zu sein.
 
Diese furchtbare und furchtbar geschriebene Figur wird von einem der begabtesten und interessantesten Darsteller unserer Zeit auch noch ganz furchtbar dargestellt. „Next Goal Wins“ könnte zukünftigen Schauspielschüler*innen als abschreckendes Beispiel gezeigt werden. Es ist faszinierend zuzusehen, wie Fassbender in seiner Darstellung eine falsche Entscheidung nach der anderen trifft. Aus irgendeinem Grund lässt Waititi seinem Star jede dieser Entscheidungen durchgehen und sorgt damit für die wohl schlechteste Darstellung in Fassbenders Karriere.
 
Wo Waititi seinen Nebenfiguren viel zu wenig Zeit und Raum eingeräumt hat, wäre bei der Hauptfigur weniger deutlich mehr gewesen. Fassbenders Rolle und seine Darstellung des Trainers lassen sich am besten mit dem Bart vergleichen, den seine Figur während einiger früher Szenen trägt. Schnell fragt man sich, was nicht stimmt. Dann nimmt man den Bart als offensichtlich falsch und unpassend wahr. Und dann stört einen der Bart in jeder Szene und man fragt sich, wozu er gut sein soll.
 
Der Trainer hätte eine Nebenfigur sein müssen, niemals die Hauptfigur. Dann hätte man die unnötige Nebenhandlung mit seiner Ehefrau ersatzlos streichen können und uns wäre eine furchtbar uninspirierte und unsympathische Leistung von Elisabeth Moss erspart geblieben. Und die wirklich interessanten Figuren des Films hätten uns weiter faszinieren können.
 
Fazit
 
Taika Waititi ist mit seinem neuen Film leider in die Parodiefalle getappt. Hätte er die Beschränkungen des Genres hinter sich gelassen, dann hätte er statt eines passablen, halbwegs unterhaltsamen Films einen wirklich interessanten, besonderen Film machen können.
 
 
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