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Kritik: Zeiten des Umbruchs

 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Filme gewinnen nicht einfach Oscars. Hinter jedem gewonnen Oscar steckt viel Arbeit. Die Studios und Filmemacher müssen sich um Oscars bemühen. Selten sieht man diese Mühe so deutlich, wie in James Grays neuen Film ...
 
You’re gonna be a Mensch
 
Der zwölfjährige Paul hat es nicht leicht. Während sein Bruder 1980 auf eine teure Privatschule geht, besucht Paul eine stattliche Schule im New Yorker Stadtteil Queens. Seine Eltern, selbst die Kinder jüdischer Einwanderer, wollen nur das Beste für ihre Söhne. Das sind vor allem gute Schulnoten, damit die Söhne später ein gutes College besuchen und gute Jobs bekommen können. Aber Paul möchte Künstler werden. Verständnis zeigt nur Pauls Großvater. Alle anderen Erwachsenen sehen zu Beginn der Achtzigerjahre nur schwierige Zeiten aufkommen ...
 
„Armageddon Time“ (Kein Kommentar zum deutschen Verleihtitel. Es ist einfach sinnlos.) wurde bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2022 uraufgeführt. Die anschließenden „standing ovations“ sollen sieben Minuten gedauert haben (wie kommt man eigentlich an den Job, die Dauer der Ovationen in Cannes zu stoppen? Ist das ein Ferienjob für die Kinder der Leute, die sich deutsche Verleihtitel ausdenken?). Sieben Minuten haben die anwesenden Filmschaffenden und Vertreter der Filmpresse aus aller Welt also ununterbrochen geklatscht. Rotten Tomatoes verzeichnet Ende Oktober 2022 bereits 87% positive Kritiken für diesen Film.
 
 
Der wichtigste Aspekt eines „besonders wertvollen Films“ ist natürlich das Thema. Hier punktet „Armageddon Time“ doppelt. Zum einen geht es um die knospende Künstlerseele des Heranwachsenden, die von den Erwachsenen nicht verstanden und so leider gequält wird. Zum anderen haben wir hier die bösen Kapitalisten der Achtzigerjahre, die alles zerstören, was wertvoll und schön ist und die natürlich auch noch alle Rassisten und Antisemiten sind. Damit aber auch wirklich jeder mitbekommt, was gemeint ist, kommen gleich zwei Mitglieder der Familie Trump im Film vor. Wie diese beiden Figuren in die Geschichte gestopft werden, wirkt zwar ein bisschen sehr gezwungen, aber was soll’s?
 
Aber so interessant die Themen dieses Films auch sind, James Grays Narrativ funktioniert leider einfach nicht richtig. Es gibt großartige „Coming-of-age“-Filme. „Stand by me“ berührt uns selbst nach mehr als fünfunddreißig Jahren immer noch. „Boyhood“ und Ladybird“ sind hervorragende neuere Beispiele. Und es gibt großartige Filme über die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen der Achtziger Jahre, wie „Die Zeit der bunten Vögel“ oder „Brassed Off“. Mit „Billy Elliot – I Will Dance“ gibt es sogar einen Film, der beide Themen großartig miteinander verbindet. All diese Filme haben eines gemeinsam: sie predigen nicht. Und sie gehen nicht plump vor. James Gray predigt leider. Und er geht leider immer wieder plump vor.
 
02 ©2022 Universal Pictures03 ©2022 Universal Pictures05 ©2022 Universal Pictures04 ©2022 Universal Pictures
 
Das von ihm verfasste Drehbuch weist offensichtlich autobiografische Züge auf(Gray ist 1969 in New York City geboren, ebenfalls in Queens aufgewachsen und wollte ebenfalls Maler werden). Vielleicht war Gray zu nah dran, um die Geschichte aus der Sicht eines Zwölfjährigen zu erzählen. Ein Zwölfjähriger sieht nichts differenziert. Er hasst seine Eltern oder lehnt sie ab, bloß weil diese wollen, dass er in der Schule aufpasst und keinen Mist baut. Er liebt seinen Opa, weil er als einziger Erwachsener den Eltern widerspricht und tolle Geschenke macht.
 
Es ist wirklich schwierig, einen Zwölfjährigen zum Helden einer Geschichte zu machen, weil die meisten Zwölfjährigen egozentrische Deppen sind. Meine eigenen Kinder waren mit zehn Jahren liebenswerte Hoffnungsträger und mittlerweile sind sie Mitte Zwanzig und damit so etwas Ähnliches wie Erwachsene. Mit zwölf waren sie einfach nur furchtbar dumm und schrecklich anstrengend. Es gab Zeiten, da hätte ich sie am liebsten für wissenschaftliche Experimente verkauft. Bitte mich nicht falsch zu verstehen, ich habe meine Kinder auch in dieser Phase vom ganzen Herzen geliebt. Aber sie waren damals eben vor allem anstrengend. Und ganz sicher hätte ich keinen Film sehen wollen, der aus ihrer damaligen Perspektive erzählt wurde.
 
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Es braucht ganz besondere Autor*innen, damit Zwölfjährige sympathische Protagonisten und Erzähler ihrer Geschichten werden können. Stephen King schafft dieses Kunststück regelmäßig wie kein Zweiter. Richard Linklater und Lee Hall haben es ebenfalls geschafft. Aber James Gray ist daran gescheitert. Wenn er seinen Helden Paul gleichzeitig altklug und strohdumm sein lässt, macht er es dem Publikum nicht leicht, sich mit ihm zu identifizieren. Wenn sich das Publikum aber nicht mit dem Helden eines Films identifizieren mag, ist der Film schon kaum noch zu retten.
 
Be original!
 
Aber der Film hat nicht nur das Problem einer wenig sympathischen Hauptfigur. Der Film selbst wirkt nicht besonders sympathisch, weil er weniger für das Publikum produziert wurde, als offensichtlich viel mehr für den Wettbewerb auf Festivals und mit dem Ziel Preise zu gewinnen. Der Film enthält alles, was in den letzten Jahren „Awards“ gebracht hat. Kapitalismuskritik wie bei „Nomadland“ oder „Minari“? Check! Kindlicher Protagonist wie bei „Moonlight“ und „Boyhood“? Jawohl! Eine wunderschöne Schauspielerin, die sich unattraktiv zeigen lässt, wie bei „The Hours“ oder „Monster“? Alles klar! Eine Darstellerlegende in einer grandiosen Altersrolle wie Anthony Hopkins in „The Father“? Na, wir haben Sir Tony himself!
 
Letztes Jahr habe ich mich weit aus dem Fenster gelehnt und „King Richard“ verrissen und trotzdem prognostiziert, Will Smiths Darstellung würde demnächst unverdient hochgelobt werden (ich habe auch geschrieben, Will Smith müsse immer „der starke Mann“ sein und hätte ein Problem mit den althergebrachten Geschlechterrollen. Keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin). Nun, den Verlauf der letzten Oscarverleihung konnte niemand voraussehen. Aber es würde mich schwer wundern, wenn „Armageddon Time“ demnächst nicht einige Nominierungen bekommen sollte. Ich hoffe bloß, Anne Hathaway schlägt niemanden nieder.
 
Denn auch ihre Darstellung ist abgesehen von der optischen Veränderung nicht oscarwürdig. Ja, sie hat einige Szenen, in denen ihre Figur emotionale Ausbrüche hat. Aber weil wir ihre Figur vorher nie wirklich kennengelernt haben, ist unklar, was wir mit diesen Ausbrüchen anfangen sollen. Der miese Haarschnitt und die furchtbare Brille reichen nicht. Selbst jemand wie Anne Hathaway braucht eine gut geschriebene Rolle, um glänzen zu können.
 
Jeremy Strong kennen wir aus „The Trial of the Chicago Seven“. Auch er leidet an seiner nur halb fertig geschriebenen Figur. Pauls Vater darf zwar gegen Ende des Films einige erklärende Dialogzeilen abliefern. Aber zu dem Zeitpunkt ist bereits zu viel passiert und wir können mit diesem Charakter einfach nichts mehr anfangen.
 
John Diehl („Miami Vice“) und die großartige Jessica Chastain („Molly’s Game“) spielen Donald Trumps Vater und ältere Schwester in Szenen, die wie nachträgliche Einfälle wirken. Ja, wir wissen, die USA gingen während der Reagan-Ära endgültig vor die Hunde. Ja, niemand steht mehr für Raubtierkapitalismus wie die Familie Trump. Trotzdem wirkt das Auftauchen dieser beiden Figuren im Film ebenso berechnend wie plump.
 
Der junge Michael Banks Repeta kann einem in der Rolle des Paul beinahe leidtun. Erst vor kurzem hat er in einer kleinen Nebenrolle in „The Black Phone“ einen durchaus kompetenten Eindruck hinterlassen. Aber hier muss er in der leider recht nachlässig geschriebenen Rolle der Hauptfigur Paul den ganzen Film auf seinen schmalen Schultern tragen. An dieser Aufgabe konnte er nur scheitern. Aber so wie der Film bereits gefeiert wird, so wird auch Banks Repetas Darstellung gefeiert. Er hat also gute Chancen, demnächst besser geschriebene Rollen angeboten zu bekommen.
 
Der einzige Lichtblick des Films ist Sir Anthony Hopkins als Großvater des Helden. Er sprüht vor Witz und Intelligenz und wir verstehen sofort, was der junge Held in seinem Opa sieht. Aber zum einen spielt einem Sir Anthony einen Part wie diesen vermutlich mal eben vor dem Frühstück. Zum anderen ist auch diese Rolle leider viel zu plump geschrieben. Wenn der Opa zu Beginn des Films schon zweimal über Schmerzen geklagt hat und sich dann am Ende eines Gesprächs mit seinem Enkel von diesem verabschiedet, weil er „demnächst auf eine Reise geht“, muss man schon sehr unbedarft sein, wenn einen Opas weiteres Schicksal überraschen soll.
 
Fazit
 
Wenn man einen Film nur für die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, Festival-Jurys und das Feuilleton dreht, bekommt man einen in Teilen gut gemachten Film, den kaum jemand ein zweites Mal sehen möchte. Schade drum.
 
 
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