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Kritik: Indiana Jones und das Rad des Schicksals

sub kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
2012 hat Disney Lucasfilm gekauft. Nach „Star Wars“ hat man nun die zweite Filmserie dieses Studios fortgesetzt …
 
Magical Mystery Tour
 
Ich weiß, ich beginne Rezensionen üblicherweise mit einem kurzen Überblick über die Handlung. Aber im Falle von „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ muss ich mich fragen, wozu? Zum einen verrät der Trailer bereits fast alles, bis auf die letzte halbe Stunde. Und diese letzte halbe Stunde sorgt dafür, dass man sich die Kristallschädelaliens aus Teil 4 zurückwünscht.
 
Zum anderen ist die Handlung – abgesehen von der bereits erwähnten letzten halben Stunde - einfach nur ein Remix der ersten vier Teile. Wer die ersten vier Teile gesehen hat wird in jeder Minute des Films jederzeit sagen können, wie es weitergeht. Und wer die ersten vier Teile NICHT gesehen hat, wird wohl keinerlei Interesse an diesem Film haben.
 
In meiner Rezension zu „James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“ habe ich u.a. geschrieben: „Man muss wirklich Mitleid haben, mit jedem/jeder Ticketkäufer*in, für den/die „Keine Zeit zu sterben“ der erste James-Bond-Film ist.“. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was es für ein Erlebnis sein muss, durch einen dummen Zufall „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ als ersten „Indiana Jones“-Film zu sehen.
 
 
Wie verwirrend, ja verstörend muss es sein, einen Film zu sehen, der mit einer witzigen Episode aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs (eine der witzigsten Perioden der Weltgeschichte) beginnt, in deren Verlauf schonmal strohdumme Nazischergen mit einer automatischen Flak in Stücke geschossen werden (FSK 12, darf also von Sechsjährigen in Begleitung Erwachsener gesehen werden).
 
Wie unangebracht muss der lässige Rassismus auf uneingeweihte Betrachter*innen wirken? Deutsche sind alle Nazis und schießwütig (außer in Szenen, während derer sie sich nicht an die Schusswaffen in ihren Händen erinnern, damit der Held entkommen kann). Nordafrikaner sind alle Gauner. Und was für ein Schicksal erwartet wohl die afroamerikanische Nebenfigur? Ach ja, die Nebenfiguren …
 
Es gibt Filme, deren Nebenfiguren den Film bereichern. Diese Filme werden durch ihre Nebenfiguren dichter, bunter, interessanter. In „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ erfahren wir rein gar nichts über irgendeine Figur, die nicht von einem der drei Stars gespielt wird, deren Namen auf dem Plakat stehen.
 
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Diese Geringschätzung der Nebenfiguren zeigt sich deutlich daran, wie leichtfertig die Autorenbrüder Jez und John-Henry Butterworth („Le Mans 66 – Gegen jede Chance“) und David Koepp („Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“) diese zusammen mit Co-Autor und Regisseur James Mangold über die Klinge springen lassen. Jede einzelne Nebenfigur ist bloß ein Handlungselement. Wenn es der Handlung dient, dann geht dieses Element eben drauf. Und in diesem Film gehen jede Menge dieser Handlungselemente drauf. „So it goes“, hätte der große Kurt Vonnegut wohl gesagt.
 
Handlung und Charaktere sind leider weitgehend belanglos, altmodisch und austauschbar. Das galt alles auch teilweise für die alten Filme. Aber die frühen Filme der Serie waren Meilensteine des Action- und Abenteuerfilms. Und Regisseur Mangold hat mit Filmen wie „Knight and Day“ oder „Logan“ durchaus Geschick für beides gezeigt. Doch auch wenn die Action nie wirklich schlecht gemacht wirkt, wird uns im Jahr 2023 nur wenig davon beeindrucken.
 
Vor mehr als dreißig Jahren haben wir mitgefiebert, als der viel zu früh verstorbene River Phoenix als junger Indiana Jones in und auf einem Zug herumgejagt wurde. Heute können wir einen im Computer verjüngten Dr. Jones auf einem Zugdach herumturnen sehen und fühlen uns dabei durchaus an „Der Polarexpress“ erinnert. Szenen wie der Kampf auf dem die Bundeslade transportierenden LKW aus dem ersten Film, die Motorradverfolgungsjagd, der Luftkampf und die Reitszenen aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ werden hier alle neu interpretiert. Und der Vergleich fällt leider nie zugunsten des neuen Films aus.
 
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Die Actionszenen sind leider auch nicht besonders einfallsreich geschrieben. Noch mehr als in früheren Filmen überlebt der Held gefährliche Situationen immer wieder nur durch die Inkompetenz der Gegner, durch pures Glück oder beides. In diesem Film schießen schon mal zwanzig Leute gleichzeitig daneben, obwohl der Held sich mit ihnen im gleichen, nicht besonders großen Raum befindet. Sowas lässt leider nur wenig Spannung aufkommen.
 
A British tar is a soaring soul
 
Der Hauptdarsteller lässt die Actionszenen leider auch nicht spannender wirken. Harrison Ford war der stets überzeugende Held der ersten drei Filme. Aber bereits in Teil Vier konnte er diesen Eindruck nicht mehr wirklich aufrecht erhalten. Seither sind nochmal fünfzehn Jahre vergangen und er ist mittlerweile achtzig Jahre alt. Und man sieht Herrn Ford jedes einzelne dieser achtzig Jahre an.
 
Wenn Herr Ford durchtrainierte, erwachsene Männer die seine Enkel sein könnten, k.o. schlägt dann wirkt das lächerlich. Aber nicht so lächerlich, wie wenn seine Filmpartnerin das Gleiche tut. Phoebe Waller-Bridge ist bisher vor allem aus Fernsehserien wie „Crashing“ und „Fleabag“ bekannt. Ihre Stimme kennt man, wenn man „Solo – A Star Wars Story“ im englischen Original gesehen hat und sich noch an die Droidin L3-37 erinnern kann.
 
Phoebe Waller-Bridge ist immer großartig wenn sie intelligente, witzige, moderne und vor allem realistische Frauenfiguren spielt. Die Macher von „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ haben sie daher eine eher unoriginelle, nur halb ausgearbeitete Frauenfigur spielen lassen, die ständig Männer niederschlägt, die doppelt so groß und dreimal so schwer wie sie sind. Und sie haben der Darstellerin keine einzige halbwegs witzige Dialogzeile geschrieben. Als Droidin war Waller-Bridge sowohl überzeugender als auch witziger als in diesem Film.
 
Mads Mikkelsen war bereits ein Bond-Bösewicht, ein Marvel-Schurke, hat Johnny Depp als Grindelwald abgelöst und Hannibal Lecter fürs Fernsehen dargestellt. Auch im „Star Wars“-Universum hat er bereits eine enorm wichtige Rolle gespielt. Mit solchen Auftritten finanziert er sich die Arbeit an kleinen, feinen Filmen wie „Die Jagd“ oder „Der Rausch“. Im Vergleich zu seiner Leistung in diesem Film wirkt Cate Blanchetts Darstellung der russischen Agentin in Teil 4 wie eine differenzierte Charakterstudie.
 
Boyd Holbrook hat bereits in James Mangolds „Logan“ den typischen Handlanger des Bösen gespielt. Über seine Figur in „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ erfahren wir im Laufe des Filmes nur, dass er gerne Leute erschießt. Sonst nix.
 
Der großartige Toby Jones lässt sich wieder mal in einer Nebenrolle in einem Blockbuster unterfordern. Nach „Captain America“, „Die Tribute von Panem“, „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ und ähnlichen Filmen scheint das zu einer Art Hobby von ihm geworden zu sein.
 
Ein noch recht unbekannter Knabe namens Ethann Isidore spielt einen kindlichen side-kick. Das hatten wir, glaube ich, auch schon einmal. Seine Figur tut erst etwas Furchtbares und dann etwas Unmögliches, das sich mit dem Fahren eines Oldtimers aus den Dreißigerjahren gar nicht vergleichen lässt. Vielleicht bekommt Ethann Isidore in ein paar Jahrzehnten auch einen Oscar verliehen. Wer weiß?
 
Antonio Banderas ist in einer Rolle zu sehen, die ungefähr so viel Eindruck hinterlässt, wie Harrison Fords Auftritt in „Apocalypse Now“. Thomas Kretschmann spielt zum ichweißnichtwievielten Mal einen Nazi-Offizier. So weit, so unergiebig. Die Mitwirkung von zwei alten Bekannten aus früheren Filmen ist längst kein Geheimnis mehr. Aber selbst diese Auftritte bleiben leider hinter ihren Möglichkeiten zurück.
 
Fazit
 
Disneys Episoden VII – IX waren vor allem gutgemeinter Fanservice und haben die allgemeine Wahrnehmung der Prequels verbessert. „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ ist ebenso vor allem für Fans gedacht. Also kann man sich den Film als Fan ansehen und durchaus genießen. Und danach findet man Kühlschränke als Atombombenbunker und außerirdische Kristallschädel vielleicht auch gar nicht mehr so schlimm.
 
 
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