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Kritik: Firebird

 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Peeter Rebanes Erstling ist zunächst einmal eine berührende Liebesgeschichte. Aber gerade im Licht der aktuellen Weltpolitik, ist „Firebird“ noch viel mehr …
 
Black thorns and roses, smiles and tears
 
Sergey muss auf einem Luftwaffenstützpunkt im sowjetisch besetzten Estland seinen Wehrdienst leisten. Seine wenige freie Zeit verbringt er mit Fotografieren und seiner Freundin Luisa. Beider Leben verändert sich, als der Pilot Roman zur Staffel abkommandiert wird. Sowohl Sergey als auch Luisa verfallen dem Charme des jungen Offiziers. Aber das was Roman und Sergey bald füreinander empfinden, ist in der Sowjetunion strafbar. Ihnen drohen fünf Jahre Arbeitslager …
 
„Firebird“ lief bereits auf einigen Festivals und wurde fast einhellig gepriesen. Das ist nachvollziehbar. Es ist immer schwer, Filme wie Peeter Rebanes Erstling zu beurteilen. Dieser Film ist gerade im Jahr 2022 wegen seiner Botschaft enorm wichtig. Aber die Botschaft eines Films sagt noch nichts über seine Qualität als Film aus.
 
 
Aber Rebane hat bisher nur Dokumentarfilme und Musikvideos gedreht. Und im Verlauf der fast zwei Stunden seines ersten Spielfilms funktionieren nicht alle Bilder gleichermaßen. Das gemeinsame Entwickeln von Fotos, das zu ersten Berührungen führt, ist ein Klischee. Wenn der Knall von plötzlich den Himmel durchstoßenden Jets einen ersten sexueller Höhepunkt darstellt, wirkt das etwas plump. Und wenn eine Figur nach einer für sie niederschmetternden Nachricht allein im strömenden Regen steht, ändert sich das Wetter bereits zum zweiten Mal plötzlich zusammen mit der Stimmung dieser Figur. Subtil ist das nicht.
 
Firebird funktioniert dort am besten, wo der Film mit Bildern erzählt, was seine Figuren bewegt. In einer frühen Szene sehen wir Sergey, wie er Motive durch den Sucher seiner Kamera betrachtet, darunter auch ein junges Paar. Kurz studiert er die junge Frau. Aber viel länger betrachtet er den jungen Mann, studiert die Details seiner Gestalt. Später sehen wir eine andere Figur fotografieren, Auch hier ist es entscheidend, welche der Figuren im Bild im Fokus steht.
 
Regisseur Rebane arbeitet auch mit Farben, um uns die Gefühlswelt seiner Protagonisten zu vermitteln. Intime, glückliche Szenen werden in warmen Orangetönen gezeigt. Kaltes Blau und Grau stehen für Schmerz und Enttäuschung. Auch das Wetter scheint der Stimmung der Figuren zu folgen. Verwirrende Gefühle sprießen und brechen während eines wechselhaften Frühlings aus. Kurzes Glück findet während eines heißen Sommers am Meer statt. Trauer und Verlust erfahren wir an kalten Wintertagen.
 
01 ©2022 Edition Salzgeber02 ©2022 Edition Salzgeber03 ©2022 Edition Salzgeber04 ©2022 Edition Salzgeber
 
Rebane hat das Buch auf der Grundlage eines autobiografischen Romans von Sergey Fetisov zusammen mit seinem Hauptdarsteller Tom Prior verfasst. Die Geschichte berührt uns tief, weil sie sich natürlich und leicht verständlich entwickelt. Die Dialoge klingen zum großen Teil so, wie reale Menschen in realen Situationen miteinander sprechen.
 
Aber an einigen Stellen lassen die beiden Erstlingsautoren das richtige Gespür vermissen. Eine Figur entwickelt ein wichtiges Bild grundlos erst fünf Jahre nachdem es aufgenommen wurde. Wenn man mit Frau und Kind eine Einzimmerwohnung bewohnt, versteckt man Kompromittierendes vielleicht nicht in einer von drei Schubladen des einzigen Schränkchens. Die Schilderung einer Kindheitserinnerung klingt holprig und bleibt dann ziemlich allein stehen. Und die Trauer zweier Hauptfiguren am Ende wirkt nur wegen des Dialogs sehr selbstgefällig und entlässt uns mit einem Misston aus dem Film.
 
„Firebird“ ist ein wichtiger Film, weil er zeigt, wie viel Unglück die menschenfeindlichen Gesetze von Autokratien schaffen. Wenn Russland nun wieder Gebiete zu annektieren versucht, wie es die Sowjetunion getan hat, und damit zusammen mit allem anderen natürlich auch ihre LGBTQIA+-feindlichen Gesetze weiter verbreiten will, lässt das diesen Film noch wichtiger werden. Daher ist es doppelt schade, wenn ungeschickte Fehler die Wirkung dieses Films beeinträchtigen.
 
Die Originalversion liefert einen besonders bitteren Wermutstropfen. Der Este Rebane hat seinen Film zur besseren internationalen Vermarktung auf Englisch gedreht. Das wäre absolut in Ordnung, wenn wir dadurch nicht wieder einen dieser Filme bekommen würden, in dem Figuren mit der gleichen Muttersprache ständig Englisch mit fremdem Akzent sprechen. Im Falle des Hauptdarstellers ist es sogar ein falscher Akzent. Man kann nur hoffen, die deutsche Synchronfassung macht diesen Fehler nicht nach.
 
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They’re sown together and grow so near.
 
Wenn der Film funktioniert, dann vor allem wegen seiner Besetzung. Tom Prior (Stephen Hawking’s Sohn in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“) spielt den verliebten Jüngling ebenso überzeugend wie den liebenden Erwachsenen. Er schafft es sogar die furchtbare Perücke, die man ihm in der zweiten Hälfte des Films tragen lässt, zu überspielen. Tipp an Regisseur Rebane: Man dreht die Szenen, in denen ein Hauptdarsteller längeres Haar hat, immer zuerst. Nach dem Haarschnitt dreht man dann die Kurzhaarszenen. Sidney Lumet hat ja während der Dreharbeiten zu „Serpico“ auch nicht gewartet, bis Al Pacino langes Haar und ein Bart wuchsen.
 
Der bei uns noch unbekannte Ukraine Oleg Zagorodnii agiert ebenso nachvollziehbar gleichzeitig als Held der Sowjetunion und als leidenschaftlicher Liebhaber. Wir verstehen sofort, wie sich sowohl Luisa als auch Sergey in diesen Roman verlieben können. Diana Pozharskaya spielt die ehrgeizige aber naive Luisa ganz bezaubernd. Gegen Ende des Films scheitert sie am Drehbuch. Margus Prangel verkörpert als Politoffizier die allgegenwärtige Bedrohung des Systems.
 
Fazit
 
Gleichzeitig eine berührende Liebesgeschichte und ein wichtiger Film. Einige Schwächen des Drehbuchs und der Regie verhindern ein rundum gelungenes, absolut empfehlenswertes Werk.
 
 
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