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Kritik: Die Legende vom Tigernest

 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Für einen typischen Kinderfilm braucht es zunächst ein Kind als Hauptfigur. Dann muss das Kind noch ein Abenteuer erleben. Im Idealfall kommen auch noch Tiere vor. „Die Legende vom Tigernest“ ist ein typischer Kinderfilm ...
 
Ist doch total einsam hier
 
Der Held der Geschichte ist Balmani. Er stammt aus dem Norden Nepals. Weil in dieser Art von Film die kindlichen Protagonisten niemals über einen vollständigen Satz Eltern verfügen dürfen, hat der Junge seine Familie bei einem Erdbeben verloren und lebt seitdem in einem Waisenhaus im Süden des Landes. Natürlich ist Balmani einsam. Natürlich fühlt er sich als Außenseiter. Natürlich läuft er aus dem Waisenhaus davon. Und natürlich erlebt er ein ganz besonderes Abenteuer ...
 
Eines vorweg: Kinder ab sechs Jahren bekommen mit „Die Legende vom Tigernest“ etwas ganz Besonderes geboten. Für kleinere Kinder ist der Film nicht geeignet. Und Kinder, die älter als zwölf oder dreizehn Jahre sind, werden sie sich während des Films bald langweilen. Erwachsene werden die teilweise wunderschönen Bilder von Tigern und Landschaften wahrnehmen, aber sich dann auch bald langweilen. Und Erwachsene, die auch echte Filmfans sind, werden während dieses Films verzweifeln.
 
 
Die Grundidee von „Die Legende vom Tigernest“ ist reizend. Und einzelne Teile des Films sind bezaubernd. Aber an diesem Film bleibt so vieles hinter den Möglichkeiten zurück, es ist wirklich ein Jammer. Da ist zunächst einmal das Drehbuch. Gehen wir seine drei Autoren der Reihe nach durch. Einer der Co-Autoren ist Regisseur Brando Quilici. Regisseure schreiben oft am Buch mit oder besser gesagt, sie ändern oft so viel, dass man sie irgendwann als Co-Autoren listet. Wir kommen später noch auf Brando Quilici zurück.
 
Rupert Thomson ist bei uns nur wenig bekannt. In Großbritannien ist er ein recht profilierter Schriftsteller, der sowohl mehrere Romane als auch für namhafte Zeitungen wie The Guardian oder The Independent geschrieben hat. Der Mann wäre also ein Profi.
 
Der Name des dritten Co-Autoren ist eine Überraschung. Hugh Hudson hat Anfang der Achtziger Jahre zwei Filme inszeniert, die sowohl künstlerisch als auch kommerziell extrem erfolgreich waren. Von seinem Erstling „Die Stunde des Siegers“ kennen heute zwar selbst Filmfans nur noch die Musik von Vangelis. Aber vor gut vierzig Jahren hat man diesen merkwürdig altmodischen Film über britische Leichtathleten in den Zwanzigerjahren mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet.
 
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Durch Hudsons zweiten Film, der anspruchsvollen Tarzan-Verfilmung „Greystoke“, wurden sowohl Christopher Lambert als auch Andie MacDowell internationale Stars. Aber bereits Hudsons dritter Spielfilm „Revolution“ war ein künstlerischer und kommerzieller Flop. Hauptdarsteller Al Pacino brauchte danach mehrere Jahre, um sich von diesem überinszenierten Historien-Action-Spektakel zu erholen. Die Schauspielkarriere von Annie Lennox war gleich nach ihrem ersten Spielfilm wieder beendet. Und auch Hudsons Karriere erholte sich danach nie wieder richtig. Sein bekanntester Film der letzten Jahrzehnte war die Schmonzette „Ich träumte von Afrika“ mit Kim Basinger aus dem Jahr 2000.
 
Nach diesem Ausflug in die Filmgeschichte kommen wir wieder zum Drehbuch von „Die Legende vom Tigernest“. Die Storys von Kinderfilmen sind ja oft etwas schlicht und ihre Autoren machen es sich gern ein bisschen leicht. Aber wie drei Profis zusammen solch kompletten Unsinn wie das Drehbuch zu diesem Film schreiben und dabei gemeinsam so lächerlich schlampig arbeiten konnten, ist einfach bizarr.
 
Ich möchte kurz eine der Schlüsselszenen des Films beschreiben. Balmani entschließt sich, nachts aus dem Waisenhaus davonzulaufen. Er öffnet einen Kühlschrank um Vorräte für sich mitzunehmen. Im Kühlschrank findet er unter anderen eine Babyflasche komplett mit Sauger, obwohl es in diesem Waisenhaus keine Babys gibt. Der sicher Zwölfjährige nimmt diese bereits mit Milch gefüllte Babyflasche mit. Und wie es der Zufall und die drei Drehbuchautoren wollen, stolpert Balmani kurze Zeit später über ein frisch verwaistes Tigerjunges. Und wer hat eine bereits mit Milch gefüllte Babyflasche dabei? Na, wer? Tja, Zufälle gibt es, ... die gibt es gar nicht.
 
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Was für ein Unsinn! Wieso sollte ein Halbwüchsiger auf der Flucht eine Babyflasche mitnehmen, die in dem Kühlschrank ohnehin nichts zu suchen hatte?! In jedem Anfängerkurs für kreatives Schreiben wird man für so etwas laut ausgelacht. Aber solche und ähnlich lächerlich unwahrscheinliche Entwicklungen bestimmen die gesamte Handlung des Films. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft die Wilderer das Tigerbaby unbewacht in einem windigen Käfig zurücklassen, damit Balmani es wieder befreien kann. Und wie oft einander die Figuren des Films ständig wiederfinden, ist noch lächerlicher. Nepal und der Himalaya sind offensichtlich gar nicht so weitläufig wie man denken würde.
 
Von der hanebüchenen Handlung abgesehen, hat das Drehbuch nichts zu bieten. Die Einsamkeit eines Waisenkinds, mobbende Mitschüler, Wilderer, die Armut eines Kochs, ... diese und andere Probleme sind bloße Handlungselemente. Nichts davon wird wirklich vermittelt oder auch nur ein zweites Mal betrachtet. Hat eines dieser Probleme seine Funktion für die Handlung erfüllt, wird es sofort wieder fallengelassen und vergessen.
 
Zum Drehbuch passt auch die Regie. Brando Quilici hat bisher vor allem Dokumentarfilme gedreht. Bei „Midnight Sun“ von Roger Spottiswoode war er Co-Regisseur. Ich habe weder diesen Film noch eine von Quilicis Dokumentationen gesehen und habe auch keine Lust dazu. Quilici montiert Szenen einfach irgendwie zusammen. Archivmaterial von ganz anderer Bildqualität ist mitten in Spielszenen zu sehen. Es entsteht nie ein Gefühl für Zeit und Orte der Handlung. Die beiden Cutter Paolo Cottignola und Paul Keraudren haben zusammen fast hundert Film- und Fernsehproduktionen geschnitten. Man muss sich fragen, ob die beiden während der Arbeit zu diesem Film getrunken haben.
 
Und immer wieder muss man sich über Regie von Brando Quilici wundern. Quilici kann nicht wirklich inszenieren. Er schafft es nicht, uns etwas zu vermitteln. Unter seiner Regie entwickelt sich nichts. Er kann nur belichtetes Material zeigen, hat aber nicht das Auge dafür. Ein Kind stürzt und verletzt sich am Knie. Aber wir sehen den Sturz nicht. Wir sehen bloß ein Pflaster von der Größe, wie man sie nach einer Impfung bekommt. Ein Kind wird gemobbt. Aber wir bekommen davon nichts vermittelt, weil die betreffende Szene zu schnell vorbei ist, lächerlich wirkt und folgenlos bleibt. Den Höhepunkt des Films bildet ein Kampf an einem Bergabhang. Wir sehen praktisch nichts von dem Kampf und merken erst nach einem Sturz, dass dort ein Abhang war. So kann keine Spannung entstehen.
 
Von dem Ort hab ich schon mal gehört
 
Quilici muss vor allem seinem Kameramann Nicola Cattani ewig dankbar sein. Denn mit seinen wunderschönen Bildern der verschiedenen Landschaften Nepals und des Himalaya rettet Cattani den Film wenigstens halbwegs. Lassen wir mal beiseite, wie ungeschickt Quilici diese Bilder immer wieder montiert. Die herrlichen Landschaftsbilder bilden einen von zwei Pluspunkten des Films.
 
Ich habe bei verschiedenen Gelegenheiten geschrieben, wie wichtig ein guter Regisseur für Kinderdarsteller ist. Gerade junge Darsteller brauchen jemanden, der sie anleitet und mit ihnen an ihrer Rolle arbeitet. Sunny Pawar wirkte vor einigen Jahren in „Lion“ auf rührende Weise verloren. In „Die Legende vom Tigernest“ wirkt er nur verloren. Brando Quilici lässt den jungen Mann erst mit ausdruckslosem Gesicht herumstehen und dann von einer Verwicklung in die andere stolpern. Es ist nicht die Schuld des jungen Schauspielers, wenn das nicht reicht.
 
Claudia Gerini ist eine dieser wunderschönen, passablen Schauspielerinnen, für die es in Italien so viel Bedarf zu geben scheint. Das internationale Publikum hat sie vielleicht in „Die Passion Christi“ als Pontius Pilatus‘ Frau gesehen. Ihre Rolle ist furchtbar nachlässig geschrieben. Als dem Waisenhaus die Schließung droht, denkt sie nicht an die Kinder und antwortet nur „Das Waisenhaus ist mein ganzes Leben“. So wird sie uns Gerinis Figur natürlich nie sympathisch. Der Rest der Besetzung spielt bloße Chargenrollen.
 
Der zweite und größte Pluspunkt des Films ist das Tigerbaby Mukti. Natürlich ist die kleine Tigerin herzallerliebst. Und Regisseur Quilici lässt wenigstens etwas Gefühl fürs Filmemachen erkennen und zeigt uns die junge Tigerdame so oft und so ausgiebig es geht.
 
Üblicherweise hat man für Dreharbeiten mit Tieren immer mehrere Tiere parat. „Kommisar Rex“ wurde von mehreren Schäferhunden dargestellt, „Lassie“ von mehreren Collies und so weiter. Diese Tiere sollten einander aber immer möglichst ähnlich sehen. Vielleicht standen für „Die Legende vom Tigernest“ nicht allzu viele Tigerbabys zur Verfügung. Denn obwohl die Handlung des Films nur wenige Tage umspannt, ist Mukti in vielen Szenen längst kein Baby mehr. In einzelnen Szenen und Einstellungen ist sie irritierend größer und erwachsener als in anderen.
 
Aber egal, ob Mukti nun von einem, zwei oder mehreren Tieren dargestellt wurde und ob diese verschiedenen Tiere im gleichen Alter waren oder die gleiche Größe hatten. Die kleine Tigerin ist der Star des Films. Kinder im richtigen Alter werden sich in die Heldin dieses Films verlieben und fürs nächste Weihnachtsfest vermutlich unerfüllbare Wünsche an das Christkind schreiben.
 
Fazit
 
Ein Kind, ein Abenteuer und ein Tier alleine reichen eben doch nicht für einen guten Kinderfilm. Die kleine Tigerin Mukti rettet den Film für kleine Filmfans. Die Größeren werden Mühe haben, diesen Film genießen zu können.
 
 
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