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Kritik: See How They Run

 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Im Jahr 2022 ist eine Parodie auf die Krimis von Agatha Christie schon etwas Besonderes. Wenn der Film dann noch selbständig als Krimi funktionieren würde, wäre das etwas ganz besonders Besonderes...
 
I wandered so aimless, life filled with sin...
 
Im London von 1953 soll Agatha Christie’s Erfolgsstück “The Mousetrap” verfilmt werden. Aber dann wird der Regisseur Leo Köpernick ermordet. Verdächtige gibt es viele. Und so haben Inspector Stoppard (Sam Rockwell) und seine Assistentin Constable Stalker (Saoirse Ronan) jede Menge zu tun. Aber Stalker zieht oft voreilige Schlüsse. Und Stoppard hat auch noch ganz andere Sorgen...
 
Seit Jahren beklage ich immer wieder die geringe Meinung, die viele Filmemacher von ihrem Publikum haben. Ein großer Teil der Filme wird heutzutage so gedreht, dass sie sich auch ungebildeten Zwölfjährigen erschließen, die noch kein Buch ohne Bilder darin gelesen haben. Wir alle kennen diese Filme. Protagonisten erklären unentwegt die Handlung. Wenn der Ort der Handlung wechselt, werden immer die wichtigsten Sehenswürdigkeiten gezeigt, während am unteren Bildrand trotzdem der Name der Stadt eingeblendet wird. Schwerwiegende Missverständnisse entstehen bloß weil zwei Menschen nicht das Naheliegende besprechen und so weiter und so fort.
 
 
Nur selten haben Filmemacher den Mut, vom Publikum ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit und Wissen zu erwarten. Nun, Drehbuchautor Mark Chappell und Regisseur Tom George sind zwei mutige junge Männer. Sie erwarten einiges von ihrem Publikum. Um ihren ersten internationalen Spielfilm „See How They Run“ würdigen zu können, sollte man besser wissen, welches das am längsten ununterbrochen aufgeführte Theaterstück der Welt ist und welcher britische Schauspieler und spätere Regisseur zur ersten Besetzung dieses Stücks gehörte. Zum besseren Verständnis einiger Gags sollte man mit dem Werk des Dramatikers Tom Stoppard vertraut sein. Es hilft, wenn man alte englische Kinderlieder kennt. Und Kenntnisse der Filmgeschichte und der britischen Kriminalliteratur werden ohnehin vorausgesetzt.
 
Vielleicht klingt das alles etwas prätentiös und elitär. Und vielleicht haben sich die Macher dieses Films auch etwas ver- und das Publikum überschätzt. Ich will es aber nicht glauben. Vor allem will ich es nicht hoffen. Denn das wäre ein Jammer. Für echte Kenner unter den Filmfans gibt es mit „See How They Run“ nämlich etwas ganz Besonderes zu entdecken.
 
Wir haben uns schon längst daran gewöhnt, in Filmen immer wieder strohdumme Protagonisten gezeigt zu bekommen. In fast jedem Unterhaltungsfilm der letzten Jahrzehnte agieren die Charaktere so lächerlich blöd, dass man sie im realen Leben nicht frei rumlaufen lassen könnte. In diesem Film haben wir eine Figur, die oft voreilige Schlüsse zieht. Aber diese Figur ist nicht so dämlich, dass man sich fragt, wie sie an ihren Job gekommen ist. Auch anderen Figuren unterlaufen Fehler. Aber all diese Fehler und Missverständnisse sind absolut nachvollziehbar. Die Fehler werden auch immer recht bald bemerkt und die Missverständnisse nicht erst nach Unzeiten geklärt.
 
01 ©2022 20th Century Studios02 ©2022 20th Century Studios03 ©2022 20th Century Studios04 ©2022 20th Century Studios
 
Es ist erfrischend, einen Film zu sehen, der einen nicht für eine bildungsferne Tiefbegabung hält, nur damit die Handlung und die Gags funktionieren können. Die Dialoge des Films sind flott und intelligent und klingen immer so, wie sich echte Menschen im echten Leben unterhalten würden. Die Gags sind gleichmäßig verteilt. Der Held ist kein dauerschlagfertiges Genie unter lauter Gehirnprothesenträgern. Das Mordopfer wurde nicht von allen gehasst, weil die Handlung es verlangt, sondern weil der Mann ein echter Drecksack war. Die Nebenfiguren sind keine bloßen Stichwortgeber. Jede der Figuren ist ein echter Charakter mit einer eigenen Geschichte.
 
Just like a blind man, I wandered along …
 
Der Look des Films ist bezaubernd. Er beschwört sowohl das echte Nachkriegsengland mit seinen winzigen Autos und seinen engen Wohnräumen als auch die britischen Filme dieser Zeit. Die Drehorte sind bezaubernd anzusehen. Die Ausstattung ist exquisit. Die Kostüme wirken so realistisch, sie sind Teil der Darstellung ihrer Träger*innen.
 
So trägt zum Beispiel der von Sam Rockwell gespielte Inspector Stoppard einen Anzug, der ihm etwas zu groß ist. Alkoholiker tragen oft Kleidung, die ihnen zu groß geworden ist, weil sie längst ihren Appetit auf feste Nahrung verloren haben. Aber nicht nur mithilfe seines Anzugs zeigt uns Rockwell eine der realistischsten Trinker-Darstellungen der Filmgeschichte. Sein Inspector Stoppard wirkt ständig müde und macht gerne ein Nickerchen im Dienstwagen. Wenn man sich jeden Abend betrinkt, ist der anschließende Nachtschlaf aufgrund fehlender REM-Phasen nicht besonders erholsam. So bekommen wir vermittelt, was es mit diesem Mann auf sich hat, noch bevor er sich zum ersten Mal davonstiehlt, um ein Gläschen zu sich zu nehmen.
 
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Rockwell kennen wir aus so unterschiedlichen Filmen wie „Per Anhalter durch die Galaxis“, „Three Billboards“, „Iron Man 2“ und „Jojo Rabbit“. In den meisten seiner Filme spielte Rockwell sehr beredte Figuren. Trinker leiden aber oft unter Kopfschmerzen und reagieren empfindlich auf laute Stimmen. Daher ist sein Inspector Stoppard eher schweigsam. Mit wenigen Worten und sehr zurückhaltenden Gesten und Blicken schafft Rockwell es trotzdem, einen ganzen Menschen mitsamt seiner Geschichte zu vermitteln. Damit zeigt er seine interessanteste Darstellung seit dem unterschätzten „Moon“.
 
Mit seinem zurückhaltenden Spiel gibt er auch seiner Partnerin Saoirse Ronan den Raum, den sie für ihre Darstellung braucht. Ronan spielte erst vor fünf Jahren in „Ladybird“ eine Highschool-Abgängerin und kurze Zeit später die kaum Fünfundzwanzigjährige Maria Stuart. Hier stellt sie überzeugend eine erwachsene, im Leben stehende Frau dar, die sich eine jugendliche Begeisterungsfähigkeit bewahrt hat. Ronans Comedy-Timing ist brillant. Sie liefert ihre Gags nicht, sie serviert sie.
 
Der Rest der hervorragenden Besetzung besteht aus profilierten Darsteller*innen wie Adrien Brody („Der Pianist“) und David Oyelowo („Selma“) und bei uns weniger bekannten Namen wie Ruth Wilson („Luther“) oder Charlie Cooper („This Country“). Zusammen machen diese und weitere Schauspieler*innen „See How They Run“ zu einem echten Ensemble-Film.
 
Fazit
 
Vielleicht ist „See How They Run“ kein Meisterwerk. Und vielleicht ist der Film nicht besonders massenkompatibel. Aber dafür ist er etwas ganz Besonderes: ein Parodie, die witzig ist ohne dämlich zu sein. Und eine Krimiparodie, die sogar als Krimi funktioniert.
 
 
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