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*** Tesla ***


 

ouatih kritik

Autor: Walter Hummer
 
Nachdem Nikola Tesla neulich in „Edison“ bloß eine Nebenfigur war, kommt nun ein Film in die Kinos, der diesem Genie gerecht wird.
 
Ist die Natur bloß eine gigantische Katze?
 
1884 arbeitet Nikola Tesla (Ethan Hawke) für Thomas Edison. Tesla merkt schnell, dass Edison „ständig spricht aber kaum zuhört“. Nach einem Streit über faire Bezahlung kündigt Tesla. Nachdem der geniale Erfinder als Hilfsarbeiter schuften muss, wird er von George Westinghouse gefördert. Teslas Wechselstromsystem kann sich bald gegen Edisons Gleichstrom durchsetzen. Aber der exzentrische Tesla will mehr erreichen …
 
Nikola Tesla war eines der größten Genies seiner Zeit. Mehr als 200 Patente tragen seinen Namen. Aber Tesla war sozial unangepasst. Seine Ideen waren seiner Zeit teilweise weit voraus. Und er hatte wohl kaum praktischen Geschäftssinn. Nicht nur deshalb war sein Name lange Zeit wohl nur Menschen mit Interesse an Elektrotechnik oder Physik ein Begriff. Selbst eine erste, großartige Verfilmung seiner Lebensgeschichte von 1980 ist heute praktisch unbekannt. Bloß weil ein weiterer exzentrischer Erfinder einen ungewöhnlichen Namen für seine Elektroautos brauchte, ist der Begriff heute wieder geläufig. Aber wer war dieser Mann?
 
 
Nun Tesla war sicher ein Genie, aber auch ein schwieriger Mensch. Und Drehbuchautor und Regisseur Michael Almereyda gelingt es zusammen mit seinem Hauptdarsteller ganz großartig, die vielen Schwächen dieses Genies zu zeigen. Der Tesla dieses Films ist sich zwar wohl bewusst, jederzeit der mit Abstand klügste Mensch im Raum zu sein. Andererseits geht er immer von der Annahme aus, seine Mitmenschen würden ihn schon verstehen, wenn sie nur aufmerksam genug zuhörten. Hawke gelingt es großartig, die Ratlosigkeit und Frustration dieses kaum verstandenen Genies zu vermitteln.
 
Aber Almereydas Film handelt nicht bloß von der sozialen Inkompatibilität und dem mangelnden Geschäftssinn eines Genies. Kyle MacLachlans Edison umgibt sich mit begabten Mitarbeitern von denen er Dankbarkeit für den Arbeitsplatz erwartet, während ihre Erfindungen seinen Namen tragen und nur ihm Geld bringen mit dem er nicht umzugehen weiß. Die Parallelen zu modernen Managern, die sich für alle Erfolge ihrer Unternehmen persönlich feiern und selbst nach Misserfolgen mit Boni belohnen lassen, ist augenfällig. Auch wenn die gefeierte Schauspielerin Sarah Bernhardt als erster „Celebrity“ ihrer Zeit gezeigt wird, sehen wir hier viel mehr vom 21. Jahrhundert als von Teslas Epoche.
 
Das Universum ist eine Maschine
 
„Tesla“ ist kein „period piece“ wie „Edison“ oder Dutzende vergleichbare Filme. Almereyda hat hier einen durch und durch modernen Film gedreht. Mit künstlichen Hintergründen und anachronistischen Elementen verwendet er im Film Elemente des modernen Theaters. An einer Stelle zeigt er uns eine Schlüsselszene und lässt die von Eve Hewson gespielte Erzählerin Anne Morgan dann klarstellen, wie sich die Begebenheit wohl tatsächlich abgespielt hat.
 
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Auch diese Erzählerin unterscheidet sich wohltuend von den Erzählern, die uns in den letzten Jahren in so vielen Filmen erläutert haben, was ohnehin auf der Leinwand zu sehen war. Die Figur den Anne Morgan trägt nicht vor, sie spricht das Publikum direkt an. Sie stellt uns Fragen, über die wir noch auf dem Heimweg vom Kino nachdenken können. Sie fordert uns auf, Anekdoten und Mythen zu hinterfragen. Wenn Sie dabei an einem MacBook sitzt, wirkt das nicht anachronistisch sondern hyper-realistisch. Den Abschluss dieses ungewöhnlichen, mutigen Films bildet dann eine Karaoke-Einlage die nicht nur kein bisschen unpassend sondern absolut stimmig wirkt.
 
Die meisten Filme werden heute so gedreht, dass jeder Kinobesucher sie verstehen kann. Der Opa, der seit Jahren nicht mehr im Kino war, … der Mann, den die Frau ins Kino geschleppt hat, obwohl Champions-League läuft, …. der uninteressierte Teenager, der in jedem anderen Saal des Multiplex besser aufgehoben wäre, … jeder. Aber Almereydas Film muss nicht jeder verstehen. Wie schon bei seinem „Hamlet“, ebenfalls mit Ethan Hawke, darf diesen Film auch jeder Betrachter anders verstehen. Wenn Almereyda in seinem Film die Grenzen zwischen Überlieferung und Legende, Wahrheit und Erfindung verwischt, tut er das, um dem Publikum Raum zum Nachdenken zu geben.
 
Ethan Hawke („Before Sunrise“, „Boyhood“) ist einer der unterschätzten Darsteller unserer Zeit. Wie 2016 in „Maudie“ schafft er es hier wieder eine schwierige, sperrige Figur für das Publikum nachvollziehbar zu machen ohne sich dabei anzubiedern. Wir sehen hier keine gefällige Darstellung. Wir sehen hier einen Künstler, der einen Charakter vermittelt.
 
Kyle MacLachlan hat vor mehr als Dreißig Jahren unter der Regie von David Lynch einige interessante Leistungen gezeigt. Obwohl immer wieder in Film und Fernsehen zu sehen, hat er es seither kaum geschafft, zu beeindrucken. Hier hätte er Thomas Edison als Schurken oder als Angeber spielen können. Aber auf angenehm unaufgeregte Art zeigt er ihn als modernen Menschen, der keine Zweifel hat und sein Handeln nicht hinterfragt.
 
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Eve Hewson („Bridge of Spies“, „Robin Hood“) schafft das Kunststück aus einer Nebenrolle eine Hauptrolle zu machen ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Hewson bildet mit ihrer intelligenten, wachen Art die Verbindung zwischen diesem komplexen Film und dem Publikum.
 
Fazit
 
Hier gibt es eine Seltenheit zu entdecken: Einen intelligenten Film für ein intelligentes Publikum. Es gilt einen der besten Filme des Jahres zu sehen, bevor er wieder aus den Kinos verschwindet und vergessen wird wie seine Hauptfigur.
 
 
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