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*** Bohemian Rhapsody ***


brhap kritik
 
Autor: Walter Hummer
      
Nachdem das Projekt mehrmals verschoben wurde, kommt nun Bryan Singers Film über Freddie Mercury ins Kino. Dieser bietet den Fans jede Menge Musik und Mythos. Die Person hinter dem Mythos lernen wir aber nicht richtig kennen.
 
13. Juli 1985
 
An diesem Tag war ich knapp zwölf Jahre alt. Ich erinnere mich noch gut. Ein Freund feierte seinen Geburtstag. Seine Eltern hatten ein großes Haus mit Garten und sogar einen Pool. Und damit nicht genug; diese Leute besaßen einen Fernseher mit einer Bildschirmdiagonale von 80 cm (in Worten: achtzig Zentimeter) der auf jeder Seite des Geräts Lautsprecher hatte. Mit diesem Gerät konnte man also Stereoton hören. Das war natürlich fantastisch, denn bereits den ganzen Nachmittag lief „Live Aid“, ein Konzert das gleichzeitig aus London und Philadelphia übertragen wurde, mit Einspielern aus zig anderen Orten.
 
Ich hatte „Status Quo“ verpasst, konnte dann aber sehen und hören, wie beim letzten gemeinsamen Auftritt der „Boomtown Rats“ Geldofs Micro ausfiel. Überhaupt kann ich mich an einige technische Pannen erinnern. Die Einspieler der österreichischen und deutschen Beiträge „Warum?“ und „Nackt im Wind“ haben aber leider störungsfrei funktioniert. Und auch wenn die meisten Beiträge natürlich besser waren als die beiden eben genannten, waren nur wenige Auftritte wirklich gut.
 
 
Und dann kam irgendwann am frühen Abend die Band, auf die wir alle gewartet hatten. Der Leadsänger in engen Jeans und Unterhemd heizte das Publikum an, noch ehe er einen einzigen Ton gesungen hatte. Dann setzte er sich ans Klavier und schlug die ersten Töne eines der größten und besten Songs aller Zeiten an. Das Publikum im Wembleystadion raste. Und auch wir vor dem Bildschirm grölten mit, verstummten aber sofort gleichzeitig mit anderthalb Milliarden Menschen weltweit, als der Sänger die ersten Zeilen sang: „Mama, just killed a man, put a gun against his head, pulled the trigger now he’s dead, …“
 
Bismillah
 
Wenn der eine oder andere Leser sich gerade fragen sollte, „Wovon schreibt der alte Mann da eigentlich? Sollte das nicht eine Filmkritik sein?“, muss ich mich entschuldigen. Aber wer nicht weiß, wer Freddie Mercury war, kann an dieser Stelle aufhören zu lesen. Denn Bryan Singers („Die üblichen Verdächtigen“, diverse „X-Men“-Filme) Biopic über den Sänger von „Queen“ ist wirklich nur für Fans geeignet.

Und das führt uns bereits zum ersten Kritikpunkt des Films. Eine Filmbiografie ist nur dann wirklich gelungen, wenn sie auch den Teil des Publikums anspricht, der mit dem Objekt des Films nicht vertraut ist. James Mangolds „Walk the Line“ oder Michael Apteds „Coal Miners Daughter“ waren mitreißende Filmdramen auch für Leute, die keine Platten von Johnny Cash oder Loretta Lynn daheim haben. Singers „Bohemian Rhapsody“ funktioniert hingegen nur für Fans. Dabei hat Drehbuchautor Anthony McCarten mit „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ und „Die dunkelste Stunde“ doch bereits gezeigt, dass er die Geschichten ganz besonderer Männer auch für ein breites Publikum spannend und interessant erzählen kann. Es wird also vermutlich eher an Regisseur Singer liegen, wenn wir in diesem Film nur wenig über den echten Freddie Mercury erfahren. Und was wir erfahren, ist teilweise nicht mal für Fans geeignet.
 
Easy come easy go, will you let me go
 
Freddie Mercury war sicher kein einfacher Mensch. Er war extravagant und doch privat sehr zurückhaltend, ein überragender Musiker, dessen Soloprojekte nicht einmal halbwegs so gut wie seine Arbeiten mit „Queen“ ausfielen. Mercury war für viele Menschen auf der Welt alles Mögliche. Aber er war sicher nicht dumm. Wenn er in diesem Film jahrelang auf einen falschen Freund hereinfällt, der ihn so offensichtlich manipuliert und täuscht, dass es nur noch lächerlich ist oder wenn er nicht daran denkt, dass Gehörlose vielleicht Lippen lesen können, dann wirkt das einfach nur dumm. Nicht nur wird das dem Original nicht gerecht. Die selbstverschuldeten Probleme eines dummen Menschen bieten auch keinen Stoff für ein interessantes Drama. Und auch in einem weiteren wichtigen Punkt wird der Film seinem Vorbild nicht gerecht. Mercurys öffentliche Persona zeigte bereits lange vor seinem Outing ganz eindeutige homosexuelle Züge. Der Sänger wirkte dabei aber niemals wie ein schwules Klischee. Tatsächlich hat Mercury einer ganzen Generation gezeigt, dass ein Mann sehr wohl homosexuell und trotzdem männlich auftreten kann. Bei manchen seiner Auftritte fragte man sich, spritzt da noch Schweiß oder bereits reines Testosteron?
 
01 ©2018 Twentieth Century Fox02 ©2018 Twentieth Century Fox03 ©2018 Twentieth Century Fox04 ©2018 Twentieth Century Fox
 
Hauptdarsteller Rami Malek hat u.a. in „Mr. Robot“ bewiesen, wie subtil er spielen kann. Und in den Szenen, in denen wir Mercury auf der Bühne sehen, liefert Malek eine praktisch perfekte Kopie des Originals ab. Vielleicht sollte es einen Kontrast bilden, wenn seine Figur in den privaten Szenen oft unsicher, schrill und notgeil wirkt. Falls das so beabsichtigt war, funktioniert es nicht. Maleks Figur wirkt abseits der Bühne zu oft einfach nur „tuntig“. Und „tuntig“ war der echte Mercury höchstens, wenn es ironisch gemeint war.
 
Auch andere Schwächen des Films sind offensichtlich der Regie geschuldet. Denn, auch wenn die Ausstattung natürlich hervorragend ist und der Nachbau der „Live Aid“-Bühne den Rahmen für ein grandioses Finale bildet, ist der Film visuell enttäuschend. Die Kameraarbeit ist solide. Und auch der Schnitt macht nichts wirklich falsch. Aber bei einem Film über eine Band, deren Videos immer wieder Maßstäbe gesetzt haben, hätte man mehr erwarten dürfen. Singer setzt die Kamera meist statisch ein und wechselt oft auf recht uninspirierte Weise zwischen Totalen und Nahaufnahmen, um es in manchen Szenen mit den Nahaufnahmen eindeutig zu übertreiben. Eine Szene während einer Pressekonferenz soll wohl alptraumhaft wirken, ist aber so ungeschickt gestaltet, dass sie kaum funktioniert.
 
Die Musik ist natürlich der ganz große Pluspunkt des Films. Und daher bekommen wir auch jede Menge davon geboten. Gut die Hälfte der Laufzeit des Films bekommen wir großartige Musik in fantastischer Qualität zu hören. Umso schlimmer, wen der Ton während des Rests des Filmes gerade mal passabel klingt. Dialoge klingen fast immer gleich, egal ob sie in intimen Rahmen, im Freien oder auf ausgelassenen Partys zu hören sind. Die Dialogszenen finden auch immer vor einem neutralen akustischen Hintergrund statt. Man sieht zwar die Orte der Handlung, bekommt sie aber kaum jemals zu hören. Und dann begeht der Film auch noch einen Kardinalfehler, den man in viel zu vielen schlampig gemachten Filmen immer wieder zu hören bekommt: sämtliche Kraftfahrzeuge klingen gleich. Wenn in einem Film über Musiker ein Rolls Royce und ein alter Mercedes Diesel praktisch das gleiche Motorengeräusch haben, spricht das nicht für das feine Ohr der Filmemacher.
 
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He's just a poor boy from a poor family
 
Dabei hat der Film gerade für Fans einiges zu bieten. Die Besetzung ist zum Teil grandios. Rami Malek kann zwar in den privaten Szenen nur selten überzeugen, wirkt aber auf der Bühne wie eine Reinkarnation von Freddie Mercury. Die recht unbekannten Darsteller Joseph Mazzello als John Deacon, Ben Hardy als Roger Taylor und besonders Gwilym Lee als Brian May sehen ihren Vorbildern in den meisten Szenen zum Verwechseln ähnlich. Vor allem Lee zeigt mit seiner Darstellung des Gitarristen eine so angenehme, menschliche Qualität, dass man gerne mehr von den anderen Bandmitgliedern gesehen hätte. So bleibt es leider bei einigen wenigen Szenen, die zeigen, wie bei „Queen“ das Ganze eindeutig mehr war als bloß die Summe seiner Teile.
 
Wunderbar auch, welche Mythen Drehbuchautor Anthony McCarten uns Fans anbietet. Dass Mercurys ewiger Tanz mit dem halben Mikrofonständer entstanden sein soll, weil gleich beim ersten gemeinsamen Auftritt der Band der Ständer defekt war, ist wenig glaubhaft aber trotzdem eine nette Idee. Auch die Entstehungsgeschichte von „We will rock you“ ist natürlich erfunden, aber dafür nicht weniger reizvoll. Und die Geschichte mit dem Mischpult bei „Live Aid“ ist sogar fast richtig.
 
Für alle Kinofans, die gerne sehen wie Mike Myers zum wasweißichwievielten mal in schrägem Make-up seinen britischen Akzent zum Besten gibt, hat der Film sogar das zu bieten.
 
Der absolute Höhepunkt des Films ist aber die Neu-Inszenierung des legendären Auftritts der Band bei „Live Aid“ in voller Länge. In der Pressevorführung verbrauchte ein 1,90m großer und über 100kg schwerer Hetero-Macho von Mitte Vierzig während dieser Sequenz fast eine ganze Packung Taschentücher. Zum Glück war es dunkel und ich sitze ohnehin immer allein in einer Reihe.
 
Diese großartigen letzten zwanzig Minuten des Films entschädigen fast – aber eben leider nur fast – für die vielen gravierenden Schwächen des Films.
Fazit
 
Natürlich werden sich „Queen“-Fans überall auf der Welt diese Filmversion von Freddie Mercurys Leben ansehen. Und sie werden, wie erwartet, Musik und Mythos bekommen. Schade nur, dass sie das nicht in einem besseren Film gezeigt bekommen.
 
 
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