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*** Dem Horizont so nah ***


ouatih kritik

Autor: Alexander Friedrich
 
In „Dem Horizont so nah“ verliebt sich das schönste Mädchen der Welt, Luna Wedler, in einen attraktiven Mann, dessen Tod gewiss ist. Ein Jugendfilm mit vielen Tränen und Eichendorff-Zitaten.
 
An einem warmen Sommerabend anno 1999 wagt sich die junge Jessica auf dem örtlichen Jahrmarkt an einem Schießstand. Neben ihr steht Danny, der mühelos einen Treffer nach dem anderen landet. Nach seinem Sieg überreicht er der 18-jährigen und sichtbar verlegenen Jessica aufmerksam seinen Preis, eine Rose. “Du kannst die ganze haben”, sagt er. Es ist die erste Begegnung zweier Menschen, die in zwei völlig verschiedenen Welten leben. Und die sich wirklich so ereignet haben soll. So hält es die Schriftstellerin Jessica Koch in ihrem autobiografischen Roman „Dem Horizont so nah“ fest, in dem sie ihre Erinnerungen einer außergewöhnlichen Beziehung festhält, die von einem schrecklichen Schicksal erschüttert wurde.
 
Jessica Koch wird in der namensgleichen Verfilmung nun von Luna Wedler gespielt. 2018 bezauberte die charmante Jungdarstellerin das Publikum als „schönstes Mädchen der Welt“, nun wird der gebürtigen Züricherin eine deutlich ernstere Rolle zuteil, die sie dennoch souverän zu meistern weiß. Stets an ihrer Seite mimt Jannik Schürmann („Charité”) den undurchsichtigen Danny.
 

Ob es dem Bild der großen Liebe von Vorlagenautorin Koch geschuldet ist oder schlichtweg an der Besetzung von Shootingstar Schürmann liegt - Regisseur Tim Trachte inszeniert Danny ausschweifend sexualisiert. Als muskulöses Model für renommierte Modeblätter, das lässig im Mercedes-Cabrio kutschiert und in einer atelierartigen Lifestyle-Wohnung hausiert, deren Einrichtung trotz zeitlichem Widerspruch direkt aus dem aktuellen IKEA-Katalog zu stammen scheint.
 
Der draufgängerische, jedoch abstinente Danny ist nach außen hin ein Frauenschwarm – die deutsche Antwort auf Christian Grey, den Jessica genauso wie Anastasia Steel begehrt, der aber ebenso unerreichbar scheint. Später, als die ungleichen Menschen doch noch zueinander finden, stellt sich heraus: Danny ist gar nicht so perfekt. Denn er ist merkwürdig verschlossen, hat Berührungsängste und trägt ein dunkles Geheimnis mit sich. Danny leidet unter HIV. Nicht AIDS, denn das ist etwas ganz anderes, wie mehrfach in der gleichnamigen Buchverfilmung betont wird. Zuerst bringt Jessica selbst fälschlicherweise beides unter einen gleichen Hut, dann sind es die Eltern, die es ihr gleichtun und plötzlich von der eigenen Tochter zurechtgewiesen werden.
 
Begegnung mit einer Krankheit
 
Auch wenn man im weiteren Verlauf eines Besseren belehrt wird – man könnte meinen, Regisseur Tim Trachte, der kürzlich erst seinen von der Presse wenig wohlwollend rezensierten „Benjamin Blümchen”-Realfilm in die Kinos brachte, betreibe mit der Adaption von Jessica Kochs Memoiren eine Art moderne Aufklärungsarbeit für eine Jugendkultur, die von Vorurteilen und Missverständnissen bedroht wird. Dieses Bild spiegelt sich innerhalb des Films in Momentaufnahmen wieder, in der eine Postwende-Gesellschaft der Republik der 1990er-Jahre gezeigt wird, die von einer regelrechten AIDS-Paranoia heimgesucht wird. So rastet Jessica erst einmal aus, als sie von Dannys Virus erfährt. Er könnte sie ja angesteckt haben. In einer späteren Szene wird Danny von einem Jugendlichen als „schwule Sau“ beschimpft und zusammengeschlagen.
 
Diskriminierungen wie diese suchten speziell die homosexuelle Szene der USA heim, als HIV und AIDS in den 1980er-Jahren öffentlich bekannt wurden. Um in Deutschland dem entgegenzuwirken, setzte die Regierung auf einen rückblickend unglaublich wichtigen Diskurs. Kurz vor dem Fall der Mauer rief die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erstmals die berühmte Präventionskampagne „Gib AIDS keine Chance“ ins Leben. Millionen Broschüren wurden in deutsche Haushalte verteilt, zugleich setzten die Verantwortlichen aber ein Ausrufezeichen gegen Diskriminierung und für Toleranz. Aus dem einstigen Tabu wurde ein Dialog.
 
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Tim Trachte und Drehbuchautorin Ariane Schröder („Hin und weg”) setzen sich in der Pantaleon-Produktion (das von Matthias Schweighöfer gegründete Studio verantwortete unter anderem den Kino-Hit „100 Dinge”) nur sehr oberflächlich mit dem HIV-Mythos auseinander. Leistete Jonathan Demme mit seinem verantwortungsbewussten Meisterwerk „Philadelphia“ 1993 noch einen virtuos gefilmten wie reifen Beitrag für einen offene Kommunikation mit einer heiklen Thematik, konzentriert sich Trachte vollends auf emotionale Werte. Die Jugendbuchverfilmung, die in ihrer Prämisse mitunter stark an den ebenfalls für die Leinwand adaptierten Bestseller „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ erinnert, kristallisiert sich in ihrem Verlauf mehr als melancholische Romanze heraus. Viel mehr lyrische Ode an die Natur als aufrüttelndes Dokument, in der auch noch das Gedicht Mondnacht von Eichendorff rezitiert wird.
 
Romanze im doppelten Sinne
 
„Die Luft ging durch die Felder, die Ähren wogen sacht [...]“ heißt es darin. Diese Verse münzt Trachte in seinem Werk zu prätentiösen Bildern um, immer wieder dienen Naturaufnahmen von malerischen Getreidefeldern, idyllischen Wäldern und unberührten Flüssen als Szenenübergänge. Wenn Jessica und Danny in die USA fliegen, um die letzte verbleibende Zeit noch gemeinsam genießen zu können, sehen wir nicht das Flugzeug, sondern dessen Schatten, der lautlos über einen See gleitet.
 
Vielleicht eifert hier der Regisseur auch dem naturbesessenen Filmemacher Terrence Malick nach, offensichtlich sind dagegen die Parallelen zur Romantik. Kulturgeschichtlich betrachtet entstand diese Epoche nämlich Ende des 18. Jahrhunderts als Antwort auf die vernunftgeleitete Zeit der Aufklärung. Diese sinnliche Polemik ist auch in „Dem Horizont so nah” zu finden, wo Schönheit den Raum erhält, der Worten verwehrt wird. Wo unterstützende Charaktere wie Jessicas Eltern ebenso abgewiesen wie auch ihre Freundinnen. Die selbstbewusste junge Frau emanzipiert sich und schottet sich zugleich von ihrem Umfeld ab, nicht einmal auf Danny will sie hören, als dieser ihr rät, sie solle doch etwas aus ihrem Leben machen, denn sie habe ja noch eines vor sich.
 
Wenn in den letzten Minuten die Worte Eichendorffs fallen, dann wird klar, dass es nie um eine Auseinandersetzung mit HIV oder – ebenfalls angerissen – Drogen und Misshandlung ging , sondern um diese zwei Individuen, die einfach nur verliebt sein wollen. „Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst“, trägt Danny die Mondnacht vor. Und zeigt in Richtung Horizont, wo sich zwei Welten treffen und vereint werden. Die Sehnsucht nach diesem Ort ist allerdings auch eine Sehnsucht nach dem Tödlichen, denn nur im Tod ist eine ewige Verbindung möglich. „Wenn du gehst, gehe ich auch”, versichert Jessica ihrem Freund. Realitätsverdrängung kann so poetisch sein.
 
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Fazit
 
„Dem Horizont so nah“ bebildert sein lyrisches Bewusstsein mit seichtem Kitsch, der bei seiner jungen Zielgruppe definitiv zum Taschentücherkonsum führen dürfte. Der Gedanke, statt über Probleme zu reden, sich in Melancholie zu verlieren, mutet ebenso gefährlich wie naiv an.
 
Jessicas Verhalten mag Empathie erzeugen, doch wo das Buch als autobiografisch durchgeht, fehlt der filmischen Version die selbstkritische Sicht. Auch ein hervorragend aufgelegter Frederick Lau kann mit seinem Gastauftritt als kauziger Kickboxer-Coach einen schlechten Film nicht retten. Aber nach diesem sollten wir unsere Antworten vielleicht öfters in Gedichten suchen.
 
 
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