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*** My Zoe ***


ouatih kritik

Autor: Walter Hummer
 
Julie Delpy spielt nach eigenem Drehbuch unter eigener Regie eine schwierige Frau in einer schwierigen Situation in einem schwierigen Film. Sowohl Delpy als auch ihre Figur machen es sich also nicht leicht …
 
Ich werde sie nie loslassen
 
Isabelle (Julie Delpy) ist Genetikerin, geschieden und steckt mitten in einem Sorgerechtsstreit. Sie und ihr Exmann lieben die gemeinsame Tochter Zoe sehr. Nur einander sind Mama und Papa leider nicht mehr sehr zugetan. Die Gespräche der beiden Erwachsenen drehen sich nur darum, wer laut vorher vereinbartem Plan wann wie viel Zeit mit Zoe verbringen darf, wann man zur Mediation gehen muss und vor allem wer woran Schuld hat. Das ehemalige Ehepaar sucht die Schuld für jeden blauen Fleck, jedes Niesen des Kindes beim jeweils anderen. Als Zoe eines Tages stirbt, will Isabelle den Tod der Tochter nicht akzeptieren …
 
Warum ist uns Menschen Schuld so wichtig? Wir suchen immer wieder jemanden, der Schuld an unserer unbefriedigenden Situation haben könnte. Und das muss immer jemand anderer sein. Bei uns selbst kann die Schuld doch sicher nicht liegen. Dieses Muster erkennen wir im Großen wie im Kleinen. Die Hälfte der Briten weiß genau, die EU hat Schuld daran, dass ihr Land kein Empire mehr ist. AFD-Wähler wissen, die Flüchtlinge haben an allem Schuld.
 

 
Schüler wissen, es ist die Schuld des Lehrers, wenn sie durchfallen. Und am Scheitern von Partnerschaften hat immer der jeweils andere Schuld. Und so kommen wir auch gleich zum größten Problem von Julie Delpys Film. Denn so wie sich Zoes Eltern nur mit der Schuldfrage beschäftigen, so beschäftigt sich auch der Film viel zu lange Zeit nur mit dieser furchtbar unergiebigen Frage. Als Regisseurin macht Delpy alles richtig. Der Film ist exzellent besetzt und hervorragend inszeniert. Der Film spielt in einer nahen Zukunft und ist damit Science-Fiction. Aber die SF-Elemente sind klug und sparsam in Szene gesetzt, sodass sie nur den Rahmen für das Drama bilden ohne davon abzulenken.
 
Zeit ist relativ
 
Aber die Drehbuchautorin Delpy führt uns eine Stunde lang die endlosen Streitereien und Schuldzuweisungen eines Ex-Paar mit geteiltem Sorgerecht vor. Jeder von uns kennt ehemalige Paare bei denen man sich fragt, wie diese zwei Menschen je auf die Idee gekommen sein konnten, sie könnten gemeinsam Kinder aufziehen. So weit so banal. Warum also verschwendet Delpy mehr als die Hälfte des Films auf diese unoriginelle Vorgeschichte? Das ist so, als hätte man uns in „Before Sunrise“ erst eine Stunde lang gezeigt, wie Celine und Jesse jeder für sich allein auf der Reise sind, bevor sie dann eine halbe Stunde vor Ende des Films im Zug miteinander ins Gespräch kommen.
 
Ich habe die Frage nach der Schuld am Scheitern der Beziehung eben als unergiebig bezeichnet. Denn diese Frage führt nie zu einem Ergebnis, weder im realen Leben noch im Film. Und in diesem Film ganz besonders. Delpys Figur Isabelle kommt in diesem Film nicht besser weg als ihr Ex-Ehemann. Das endlose und sinnlose Hin-und-Her lässt keinen der beiden sympathisch wirken. Deshalb nehmen wir später als Zuseher auch keinen rechten Anteil an ihrem Verlust. Ein Schuldeingeständnis einer Nebenfigur bringt weder die Hauptfigur noch den Film weiter und ist damit sinnlos. Die Drehbuchautorin Delpy hat also die Arbeit der Regisseurin und der Darstellerin sabotiert. Und das gründlich.
 
Welchen Schaden das Drehbuch in der ersten Stunde angerichtet hat, wird in den letzten 40 Minuten des Films offensichtlich, wenn Isabelle versucht ihre Tochter klonen zu lassen. Es werden insgesamt drei Versuche unternommen, die kleine Zoe zu klonen. Zwei davon enden mit einer Fehlgeburt. Aber zu diesem Zeitpunkt kann niemand im Publikum mehr Mitleid mit Isabelle haben. Auch weil diese Frau in dem viel zu kurzem Abschnitt des Films, der tatsächlich am interessantesten gewesen wäre, ohnehin viel zu viel Mitleid mit sich selbst hat.
 
01 ©2019 Warner Bros Pictures02 ©2019 Warner Bros Pictures03 ©2019 Warner Bros Pictures04 ©2019 Warner Bros Pictures
 
Diese Isabelle war schon vor dem Klonexperiment nur mit sich selbst und ihrer Trauer beschäftigt. Als die Ärzte im Krankenhaus den Eltern erklären, man sollte die lebenserhaltenden Maßnahmen abschalten damit die Organe der Tochter vielleicht Leben retten können, erklärt die Mutter dem Vater bloß, sie könne das nicht unterschreiben und geht. Als der von Daniel Brühl gespielte Klon-Experte sie dann auf die naheliegenden Gegenargumente hinweist, geht Isabelle auf nichts davon ein. Diese Szene hätte das Herzstück des Films werden müssen. Hier hätten die entscheidenden Fragen gestellt werden müssen. Aber Drehbuchautorin Delpy schmettert alles nur mit alten Klischees über Mutterschaft ab und beraubt damit ihren Film jeder Bedeutung.
 
Das ist alles in unseren Zellen festgelegt
 
Julie Delpy schon oft gezeigt, welch schwierige Rollen sie meistern kann. Wenn wir uns hier nicht für ihre Figur erwärmen können, muss sie die Schuld dafür bei der Drehbuchautorin Delpy suchen. Vielleicht kann sie dieser auch die Frage stellen, warum sie nach „Die Gräfin“ und „Before Midnight“ nun mittlerweile das dritte Drehbuch geschrieben hat, in dem die weibliche Hauptfigur offensichtlich ein Problem mit dem eigenen Älterwerden hat. Und warum sogar daran immer jemand Schuld haben muss.
 
Richard Armitage kennen wir als Thorin aus der „Hobbit“-Trilogie. Er hat hier als Vater und Exmann leider keinen Charakter zu spielen, sondern ein Handlungselement. Daniel Brühl („Good By Lenin“, „Rush“) hätte hier eine beachtliche Leistung abliefern können, wenn das Drehbuch dem Konflikt seiner Figur des Klon-Experten mehr als drei kurze Szenen gewidmet hätte.
 
Den größten Bärendienst hat die Autorin aber Gemma Arterton erwiesen. Diese Darstellerin hat in so unterschiedlichen Filmen wie „Prince of Persia“, „The Girl with all the Gifts“ und „Ihre Beste Stunde“ gezeigt, was sie kann. Ihre Rolle als Frau des Wissenschaftlers hätte die fehlende emotionale Reife zum Film beitragen können, um damit für eine gewisse Balance zu sorgen. Aber das Drehbuch lässt sie nur kurz Bedenken äußern, bevor sie die trauernde Mutter am Ende auf eine Weise unterstützt die einfach nur lächerlich ist.
 
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Fazit
 
Die Drehbuchautorin macht es der Darstellerin und der Regie nicht leicht. Wie ein Elternteil in einem Sorgerechtstreit vor lauter Schuldzuweisungen vergisst, worum es eigentlich gehen sollte, so hat Delpy vergessen, worum es in ihrem Film gehen sollte. In einem Sorgerechtsstreit leidet das Kind darunter. Hier leidet das Publikum.
 
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