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*** Assassination Nation ***


anation kritik
 
Autor: Walter Hummer
      
Regisseur und Autor Sam Levinson hat für seinen zweiten Spielfilm einfach Arthur Millers „Hexenjagd“, „American Beauty“, „The Perks of Being a Wallflower“, „The Purge“ und „Sucker Punch“ in einen Mixer geschmissen, noch je eine ordentliche Portion Social-Media und youtube hinzugefügt und das Ganze auf höchster Stufe durchgerührt. Das Ergebnis ist vor allem anstrengend.
 
Red, white and blue
 
Lily ist eine ziemlich typische Achtzehnjährige in einer typischen Kleinstadt in den USA. Lily hat ein Smartphone, einen Boyfriend und ihre drei BFFs, Bex, Em und Sarah. Ihr Smartphone hat sie fast ständig in der Hand. Ihr Boyfriend sieht gut aus. Und mit ihren Freundinnen spricht sie über alles.
 
Aber auch wirklich über ALLES. Es ist kaum zu glauben, was Lily alles erzählt. Sie spricht darüber, dass ihr Freund sie nicht oral befriedigen möchte (was in diesem Film natürlich ganz anders ausgedrückt wird), dass sie einen älteren Mann, den sie „Daddy“ nennt, ständig Nacktfotos schickt und ob man Mitleid mit dem Bürgermeister haben muss, der sich vor Publikum umgebracht hat, nachdem im internet peinliche Fotos von ihm aufgetaucht sind. Als dann auch noch sämtliche Inhalte vom Handy des Direktors der Schule öffentlich gemacht werden, ist das Ganze nicht mehr ganz so lustig. Aber es kommt noch schlimmer. Denn bald werden die Daten und die Kommunikation sämtlicher Einwohner der Stadt „geleakt“. Und ohne Geheimnisse und ohne Fassaden wird der amerikanische Traum schnell zum Alptraum.
 
 
Nach ungefähr fünf Minuten war mir klar, „Assassination Nation“ ist ein heilloses Durcheinander. Dieser Film will zu viel und weiß gleichzeitig gar nicht genau, was er will. Und dann weiß der Film nicht, wie er das was er will, vermitteln soll. Also probiert er es auf vielen verschiedene Wegen und kann sich auf keinen lang genug konzentrieren, um ihn zu Ende zu gehen. Selten hat man so einen konfusen Film gesehen. In den USA würde man sagen, this movie is all over the place.
 
Nach weiteren fünf Minuten fing ich an den Film irgendwie zu mögen. Bitte mich nicht falsch zu verstehen; der Film wurde nicht besser. Wenn überhaupt wurde er schlimmer. Aber irgendwie hatte dieser furchtbar konfuse, durchgeknallte und etwas dämliche Film meine Sympathie geweckt. Und plötzlich war mir klar, woran das lag: dieser Film ist wie die Teenager, die er portraitiert. Teenager sind fast alle konfus, durchgeknallt und auch ein bisschen dämlich. Aber dafür können sie (meistens) nichts. Die Welt ist verwirrend. Durchgeknallt bedeutet doch vor allem anders zu sein. Und dämlich zu sein, ist ein Vorrecht der Jungend. Wie sollten junge Leute denn sonst jemals aus Fehlern lernen?
 
American Beauty
 
Teenager halten ihre Erfahrungen immer für einzigartig. Niemand hat jemals zuvor je wahrhaftig geliebt. Jedenfalls nicht wie sie. Und drei Wochen später wissen sie, niemand musste jemals solchen Schmerz erfahren wie sie. Und niemand hat jemals solche profunden Weisheiten herausgefunden wie der durchschnittliche Teenager. Deshalb sind sie ja auch so viel cleverer als alle Erwachsenen. Und genau so meint „Assassination Nation“ auch alles zum ersten Mal zu zeigen. Und so wie man einem Teenager gar nicht vermitteln kann, wie unoriginell seine Verliebtheit, wie klischeehaft sein Herzschmerz und wie banal seine Weisheiten sind, so muss man während des Films schmunzeln, wenn man sieht, wie alles was uns dieser Film erzählen will, einfach schon allzu oft erzählt wurde. Und meistens auch sehr viel besser.
 
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Man hätte „Assassination Nation“ tatsächlich gar nicht drehen müssen. Man hätte ihn genauso gut aus Szenen aus “American Beauty“, „The Perks of Being a Wallflower“, „The Purge“ und „Sucker Punch“ zusammenschneiden können. Das hätte sogar einen visuell ausgereifteren Film ergeben. Denn die Qualitäten von Kameraarbeit und Beleuchtung bewegen sich hier teilweise hart an der Schmerzgrenze. In mehr als einer Szene hat man Mühe dem Geschehen auf der Leinwand zu folgen. Und nicht etwa, weil die Handlung so kompliziert wäre.
 
Irgendwann mittendrin muss jemand dem Regisseur erklärt haben, was „split screen“ ist. Diese Technik hat in Klassikern wie „Grand Prix“ oder „Carrie“ viel zum visuellen Wert der Filme beigetragen. Hier wirkt es, als würden einem drei Besoffene gleichzeitig selbstgedrehte Videos auf ihren Smartphones zeigen wollen.
 
Sucker Punch
 
Jeder Achtzehnjährige hält sich für unheimlich schlau. Es gibt kaum etwas Unerträglicheres als einen Teenager, der meint etwas zu wissen, was außer ihm natürlich niemand weiß. Wenn die Kleinstadt in diesem Film „Salem“ heißt, zwinkert einem der ganze Film praktisch zu, als wolle er Beifall für diese endgeile literarische Anspielung. Wenn im Hintergrund ständig das Sternenbanner weht, erinnert diese Holzhammer-Gesellschaftskritik an Adoleszente die T-Shirts mit dem Konterfei von Che Guevara tragen.
 
Junge Menschen machen sich kaum jemals die Mühe, sich zu konzentrieren. Und ganz sicher bereiten sie sich auf nichts vor. So wichtig kann gar nichts sein. Wer sich schon mal von einem Teenager einen endlosen, zusammenhanglosen Vortrag zu einem für ihn wichtigen Thema anhören musste, weiß genau was ich meine. Wenn man sich also stundenlang eine wirre Litanei darüber anhören muss, warum Erwachsene nichts verstehen und warum alles scheiße ist, dann möchte man dem Jungmenschen am liebsten sagen: „Hör mal, Du hast ja mit vielem was Du sagst, gar nicht mal unrecht. Aber bitte, überleg Dir das nächste Mal vorher, was Du sagen willst. Und dann überleg Dir, in welcher Reihenfolge Du es sagen willst. Und versuch beim Thema zu bleiben. Komm nicht vom Hundertsten ins Tausendste. Dann kann man Dich als Gesprächspartner vielleicht ernst nehmen.“
 
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Und genauso stellt sich dieser Film an: Wir haben Kritik am Patriarchat und an der Sexualisierung unserer Gesellschaft. Nein, es geht darum, dass soziale Medien irgendwie doof sind. Nö, die sind gar nicht doof. Nur viele user sind doof. Ach ja, diese ganze Konsumgesellschaft ist auch kacke. Und in den Medien wird dauernd Gewalt gezeigt, aber eine verklemmte Haltung zum menschlichen Körper propagiert. Deshalb zeigt der Film auch jede Menge Kopfschüsse in Nahaufnahmen und badewannenweise Blut, aber kein bisschen nackte Haut, auch keine männliche. Und dann gibt es auch noch zu viele Waffen in Amerika. Obwohl man diese Waffen dann doch braucht, wenn der Film ein „Kill Bill“-mäßiges Finale haben soll. Und unsere Heldinnen tragen im letzten Akt des Films alle identische roten Lackmäntel, aus keinem anderen Grund, als das sie mit ihren langen Beinen gut darin aussehen. Aber bitte betrachtet Frauen nicht als Objekte, klar? Btw, law and order sucks!
 
„Die Messlatte liegt so niedrig“
 
Selbst wenn sie sich noch so dämlich anstellen und noch so blöd daherreden; junge Menschen haben oft eine Energie und eine Hingabe, die der Generation davor manchmal fehlt. Und genauso ist es mit diesem Film. Trotz seiner Unzulänglichkeiten, trotz all der kindischen Fehler, trotz der haarsträubenden Handlung und obwohl fast nichts an diesem Film irgendwie originell oder originär ist, mag man „Assassination Nation“ nicht einfach abtun. Dieser Film hat eine emotionale Wucht. Er prangert verlogene Rechtschaffenheit und Heuchelei an. Wie viele Filme haben wir im letzten Jahr gesehen, die das getan hätten? Und dieser Film richtet seine Kritik nicht nur gegen „die Anderen“, „die Alten“, „die Konservativen“. Er richtet sie auch gegen die im 21. Jahrhundert Geborenen. Etwa wenn der Verursacher der Katastrophe auf die Frage, warum er das alles getan hat, nur antworten kann: „Weiß nicht. Für die LOLZ …“
 
Fazit
 
„Assassination Nation“ ist kein gut gemachter Film. Aber wie so viele junge Menschen, ist er auf eine anstrengende Weise interessant. Am Ende bietet uns der Film dann auch noch einen Abspann der so herrlich, wunderschön und schräg ist, dass er einen für viele Mängel des Films entschädigt.
 
 
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