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*** Kindeswohl ***


 
kwohl kritik
 
Autor: Allan F
         
Weltliches oder göttliches Recht? Der Film „Kindeswohl“ versucht sich an diesem alten Streitpunkt unterschiedlicher Weltanschauungen…
 
Gott oder Justitia?
 
Fiona Maye (Thompson) ist Richterin am High Court of Justice in London. Im Beruf ein Ass, doch im Privatleben kriselt es gewaltig: Ehemann Jack (Tucci) fühlt sich verlassen von Fiona, da sie als Richterin ständig mit ethischen Zwickmühlen konfrontiert ist, die für eine gerechte und wohlüberlegte Entscheidung ihre ganze Lebenszeit einnehmen.
 
Als ihr dann der Fall des jungen Zeugen Jehovas Adam (Whitehead) übertragen wird, der eine lebensrettende Bluttransfusion aufgrund seines Glaubens ablehnt, beginnt für Fiona erst richtig die Lebenskrise. Da Adam erst kurz vor seinem 18. Geburtstag steht, kommt es zur juristischen Streitfrage, ob seine Entscheidung für seinen Glauben zu sterben, im Auge des Gesetzes akzeptiert werden kann. Noch dazu kündigt Gatte Jack eine Affäre an und verlässt die gemeinsame Wohnung. Als Fiona im Falle „Gott vs. Staat“ eine Entscheidung trifft, kommt es zu einer lebensverändernden Erfahrung…
 
 
Buch oder Film?
 
Der Film greift ein spannendes Thema auf: „Ist eine religiöse Entscheidung gesetzlich vertretbar?“. Leider ist die Umsetzung alles andere als gelungen. In der ersten halben Stunde werden in kurzen Sequenzen alle wichtigen Eckpfeiler der Story nur grob skizziert: Die kriselnde Ehe, Fionas brilliante, aber kühle Workaholic-Einstellung, der religiöse Background von Adam und seiner Eltern. Die Charaktere entwickeln sich nur wenig vor den Augen des Zuschauers, vielmehr muss man die Begebenheiten des Plots einfach schlucken.
 
Somit sind die brisanten Themen kaum emotional spürbar, es fühlt sich eher wie ein nüchterner Tatsachen-Report an. Emma Thompson und Stanley Tucci geben dennoch eine subtile Meisterleistung, nicht anders zu erwarten bei diesen beiden Hollywood-Schwergewichten.
 
Shooting-Star Fionn Whitehead, bekannt aus Christopher Nolans Kriegsepos „Dunkirk“, ist ebenfalls charismatisch und überzeugend, doch kann leider sein Potential auch nicht voll ausschöpfen. Denn trotz hochkarätigen Darstellern und einer interessanten Synopsis, gibt es keine großen Dialoge, keine großen Emotionen, sprich die Schauspieler bekommen vom Skript her nur wenig zu tun.
 
02 ©2018 Concorde Film03 ©2018 Concorde Film04 ©2018 Concorde Film05 ©2018 Concorde Film
 
Nicht zuletzt ist dies dem Regisseur Richard Eyre zuzuschreiben, der eher als Fernsehfilm- und Theater-Regisseur, statt auf der großen Leinwand, Karriere machte. Seine Inszenierung wirkt kühl wie London selbst, Szenen und Geschehnisse geben sich konstant die Klinke in die Hand, alles wirkt sehr konstruiert, sehr bequem, dass man als eifriger Kinobesucher gewisse Dinge in der Story bereits vorhersehen kann. Und das nervt!
 
Bleibt nur zu hoffen, dass die Romanvorlage von Ian McEwan mehr zu bieten hat.
 
Kino oder TV?
 
In 105 Minuten schaffte es der Film nicht auf emotionaler Ebene zu überzeugen. Gerade bei so einem Thema und diesem Plot wäre eigentlich Taschentuch-Alarm vorprogrammiert. Leider ist die Zusammensetzung sehr konstruiert und daher eher der Theater-Bühne zuzumuten als dem Kinosaal. Für den BBC-Zuschauer daheim definitiv ein interessantes Stück Film, für den großen Kino-Abend leider etwas zu klein.
 
Fazit
 
Der Film hat Themen, die eigentlich schon wieder eigene Filme füllen könnten. Die knallharte Karrierefrau mit privaten Problemen wäre in der heutigen Zeit sicherlich eine großartige Charakter-Studie. Wie Religion und Rechtstaat kollidieren sicherlich auch.
 
In „Kindeswohl“ überzeugt keines der beiden. Zu wenig Anteilnahme am Schicksal der Charaktere durch fehlende Einbindung des Zuschauers und ein Plot, der einfach passiert, wie das Skript es vorgibt, damit es vorangeht. Die Szenen zwischen Thompson, Tucci und Whitehead sorgen kaum für die notwendigen Spannungen, die Dialoge und Handlungen sind unspektakulär und eher altbekannte Szenarien. Alles in allem interessante philosophische Ansätze mit wenig nachvollziehbarer Ausführung.
 
 
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