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Kritik: The Black Phone

 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Blumhouse produziert seit fünfzehn Jahren vor allem Horrorfilme von geringem Budget. Die meisten dieser Filme sind belanglos, viele wirklich schlecht. Aber ab und an produziert Blumhouse auch etwas ganz Besonderes, wie „The Purge“ oder „Get Out“ …
 
Free Ride
 
1978 in einem Vorort von Denver: seit geraumer Zeit verschwinden Kinder von den Straßen. Fünf männliche Teenager sind bereits unauffindbar. Der letzte von ihnen war sogar ein guter Freund von Finney Shaw. Aber Finney hat ganz andere Sorgen. In der Schule wird er von Mitschülern bedroht. Daheim trinkt sein Vater. Und seine Schwester sieht im Traum Dinge, die sie gar nicht wissen kann. Das wiederum macht seinen Vater wütend. Aber dann kommt für Finney alles noch viel schlimmer …
 
Hollywoodstudios produzieren Filme. Das weiß jeder. Das ist seit hundert Jahren so. Aber stimmt das noch? Produzieren Hollywoodstudios wirklich noch Filme? Stellen sie nicht eher vor allem Produkte her? Decken sie uns nicht eher mit Produkten ein, die dann noch weitere Nebenprodukte verkaufen sollen. Buch- oder Comicserien werden zu Filmserien (es sind nie einzelne Filme), auf deren Grundlagen dann Serien von Spin-Offs, Fernsehserien und wiederum neue Buch- oder Comicserien entstehen. Fernsehserien werden zu Filmserien und umgekehrt. Und zu all diesen Fernseh- und Filmserien gibt es Merchandising und Cross-Selling. Die Filme sind nicht einfach bloß die Produkte. Sie sind ein Weg uns viele weitere Produkte zu verkaufen.
 
 
Aber ich will doch im Kino einfach nur einen Film sehen. Ich will mich nicht auf Jahre binden und mir auch nichts verkaufen lassen, außer vielleicht Nachos oder Popcorn. Ich will mich zusammen mit fremden und vielleicht einem oder zwei mir bekannten Menschen in einen dunklen Saal setzen, auf eine beleuchtete Leinwand schauen und mir eine Geschichte erzählen lassen. Dafür bezahle ich auch gerne den Preis eines Tickets. Aber dabei soll es dann auch bleiben. Für den Preis eines Tickets erzählt man mir auf der beleuchteten Leinwand eine Geschichte. Das ist der Deal.
 
Regisseur und Co-Autor Scott Derrickson („Sinister“, „Doctor Strange“) hat einen Film gemacht mit dem er uns einfach nur diesen Hundert Jahre alten, simplen Deal anbietet. Für den Preis einer Kinokarte erzählt er uns eine Geschichte. Und was für eine Geschichte er uns erzählt! Und wie! Ich kann jedem echten Filmfan nur raten, einzuschlagen und auf diesen Deal einzugehen.
 
Derrickson sollte ursprünglich nach Teil Eins auch die Fortsetzung zu „Doctor Strange“ inszenieren. Wegen kreativer Differenzen verabschiedete er sich von diesem mehrere Hundert Millionen Dollar teuren Projekt und Teil eines Franchise, das Milliarden gemacht hat und weiter machen wird. Stattdessen inszenierte er „The Black Phone“, einen Film der keine zwanzig Millionen gekostet hat. Ich kann unseren Leser*innen nur raten sich eine Karte für „The Black Phone“ zu kaufen, den Film zu sehen und dann kurz darüber nachzudenken, wie viel Respekt man vor einer solchen Entscheidung haben sollte.
 
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„The Black Phone“ ist alles, was viele Filmfans vielleicht seit Jahren immer wieder vermisst haben, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Dieser Film erzählt uns eine Geschichte. Er liefert nicht die Grundlage für später zu erzählende Geschichten und Handlungsfäden, die noch viel später zu weiteren, nicht wirklich damit zusammenhängenden Geschichten führen. Nein, dieser Film erzählt uns eine Geschichte. Von Anfang bis Ende. Und er erzählt diese Geschichte gut. Sogar sehr gut.
 
Bereits der Vorspann, (dieser Film hat sogar einen richtigen Vorspann! Das muss man sich mal vorstellen!), macht uns in weniger als zwei Minuten mit der Ausgangssituation vertraut ohne uns mit erklärendem Dialog zu langweilen. Dieser Vorspann (ein echter Vorspann! Unglaublich!) stimmt uns aber auch auf den Rest des Films ein. Er vermittelt uns den Ort der Handlung und wie dieser Ort durch schreckliche Geschehnisse verändert wurde. Bedrohung durchzieht den ruhigen Vorort.
 
Dieser Film ist keine Origin-Story. Wir sehen keinen Nerd, der erst noch Superkräfte erlangen muss. Finney ist ein Teenager, wie wir alle sie kennen. Vielleicht waren wir selbst mal ein bisschen so. Finney ist schüchtern, hat seine Probleme und weiß noch gar nicht, was alles in ihm steckt. Wenn er sich im Laufe des Films weiter entwickelt, wenn er lernt und wächst, dann ist diese Entwicklung immer sinnvoll und nachvollziehbar. In jeder Sekunde des Films können wir uns mit seiner und auch mit anderen Figuren des Films voll identifizieren.
 
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Dass die Entwicklung eines Teenagers so nachvollziehbar gezeigt wird, liegt sicher zum Teil auch an der literarischen Vorlage. Joe Hill, der Autor der Kurzgeschichte, auf der das Drehbuch von Scott Derrickson und C. Robert Cargill (ebenfalls „Sinister“ und „Doctor Strange“) basiert, schreibt unter einem Künstlernamen. Geboren wurde er als Joe Hillström King und seine Eltern sind ebenfalls Schriftsteller. Seine Mutter Tabitha King wurde unter anderem durch die Bücher rund um Nodd’s Ridge bekannt. Und sein Papa Stephen ist immer dann am besten, wenn er über junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden schreibt. Vielleicht ist Talent doch erblich?
 
Wenn ich bisher gar nicht erwähnt habe, dass „The Black Phone“ ein Horror-Thriller ist, dann weil dieser Film als Drama so hervorragend funktioniert. Weil der Film nicht Teil einer Serie ist, kann er uns eine echte Geschichte erzählen. In wenigen Szenen bekommen wir die schwierige Situation eines Heranwachsenden vermittelt. Wir erfahren eindrücklich den puren Horror, den das Leben mit einem Alkoholiker als Elternteil für Kinder bedeutet. Und das alles lange bevor Finney entführt wird.
 
Was Finney nach seiner Entführung erlebt, wie er lernen und wachsen muss und wer ihm dabei hilft und auf welche Art und aus welchen Gründen, all das ist wirklich großes Kino. Ich möchte nicht zu viel verraten. Aber hier bekommen aufmerksame Filmfans eines der originellsten und sinnvollsten Konzepte von Geistern Verstorbener vermittelt, das seit langem im Kino zu sehen war. Wenn die Geister sich an immer weniger erinnern können, je länger sie bereits verstorben sind, ergibt das Sinn. Ebenso sinnvoll ist es, wenn sie gar keine so freundlichen Wesen sind und ihre ganz eigene Motivation für ihre Hilfe haben.
 
Fox on the Run
 
Bevor ich über die durchwegs sehr guten und in einigen Fällen hervorragenden Leistungen der Darsteller berichte, muss ich den wichtigsten Star des Films würdigen. Der Entführer trägt in diesem Film eine Maske. Diese Maske ist ein Kunstwerk für sich. Sie hat in der Reihe der großen Masken der Filmgeschichte einen Platz verdient. Es gibt Darth Vaders Helm und Atemapparat, Hannibal Lecters Maulkorb, das Make-up von Heath Ledgers Joker und nun gibt es die Maske aus „The Black Phone“.
 
Diese Maske besteht aus drei Teilen. Der untere Teil der Maske kann vom oberen Teil der Maske getrennt und durch einen anderen Unterteil ersetzt werden. Es kann aber auch nur der untere oder nur der obere Teil getragen werden. Mit diesem verblüffend einfachen aber doch genialen Konzept vermittelt diese Maske eine unberechenbare Bedrohlichkeit, die enorm zur Stimmung des Films beiträgt.
 
Geschaffen wurde diese Maske übrigens von Tom Savini. Der Mann ist ein langjähriger Experte für günstige aber effektive Masken und Spezialeffekte und hat an Klassikern wie George A. Romeros „Zombie“ oder dem Original „Freitag, der 13.“ mitgearbeitet. Vielleicht weil diese frühen Filme immer zu geringe Budgets hatten, ist er irgendwann auch vor der Kamera zu sehen gewesen. Seine mit Abstand bekannteste Rolle hat auch mit einem Spezialeffekt zu tun. Als „Sex Machine“ in „From Dusk Till Dawn“ hat er eine Hose mit Sonderausstattung getragen.
 
Zurück zu den Darstellern von „The Black Phone“: Getragen wird diese ganz spezielle Maske von Ethan Hawke. Hawke ist seit seiner Kindheit ein hervorragender Schauspieler. Davon kann man sich seit Jahrzehnten in Filmen „Club der toten Dichter“, „Gattaca“, „Before the Devil Knows, You’re Dead“, „Maudie“ und der Hälfte aller Filme von Richard Linklater überzeugen. In den letzten Jahren hat Hawke aber in einer ganzen Reihe wirklich furchtbarer Filme mitgespielt.
 
In „The Black Phone“ zeigt Hawke seit beste und überraschendste Leistung seit langem. Wir erfahren nichts über die Vergangenheit seiner Figur und doch wissen wir bald alles was wir wissen müssen. Wir sehen hier einen zutiefst gestörten Geist. Weil er seine Verwirrung nicht mehr vor sich selbst verbergen konnte, hat er die Schuld dafür irgendwann nach außen geschoben und angefangen zu hassen. Dieser Hass hat ihn böse und unberechenbar werden lassen. Das alles vermittelt Hawke vor allem mit seiner Stimme, seiner Körperhaltung und seinen Augen.
 
Finney Shaw wird von Mason Thames verkörpert. Ich habe diesen jungen Darsteller vorher weder auf der Leinwand noch auf dem Bildschirm gesehen und war zunächst verblüfft und dann begeistert. Thames zeigt eine Leistung, die an den jungen Brad Renfro in „Der Klient“ erinnert. Er spielt selbst schwierige Szenen so natürlich, man meint irgendwann, keinen Schauspieler in einem Film zu sehen, sondern einfach einen realen Teenager in seinem echten Leben zu beobachten.
 
Finneys kleine Schwester wird von Madeleine McGraw dargestellt, die bereits in mehr als zwanzig Film- und Fernsehproduktionen zu sehen war, darunter „American Sniper“ und „Ant-Man and the Wasp“. Ihr Spiel ist vielleicht nicht sehr subtil. Aber sie vermittelt in ihrer Rolle so viel Kraft und Entschlossenheit, man fragt sich wo diese zarte junge Dame das alles hernimmt. In einem Gebet liefert sie ganz nebenbei mit ebenso echter Empörung wie großartigem Sinn für Timing eine der mit Abstand besten Dialogstellen, die ich seit langem gehört habe.
 
Jeremy Davies („Der Soldat James Ryan“) als Vater und James Ransone („Es Kapitel 2“) führen die Liste von durch die Bank sehr guten Nebendarstellern an.
 
Fazit
 
Blumhouse hat sich selbst übertroffen. Ein großartiges Drehbuch, mit hervorragenden Darstellern kompetent verfilmt ergibt etwas, das wir viel zu selten zu sehen bekommen: Einen wirklich guten Film, der für sich allein besteht.
 
 
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