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***Begabt - Die Gleichung eines Lebens***

 
bdgel kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Hollywood hat in den letzten Jahren bei Dramen oft keine leichte Hand bewiesen. Gerade bei Filmen mit sozialer Botschaft, hat man diese oft mit dem ganz breiten Pinsel hingemalt, statt mit einer feinen Feder zu zeichnen.
 
„BEGABT- DIE GLEICHUNG EINES LEBENS“ von Regisseur Marc Webb („The Amazing Spider Man“, „500 Days of Summer“) ist einfach ein kleiner, feiner Film darüber, wie wichtig es ist Kindern eine Kindheit zu geben.
 
Patchworkfamilie a la Hollywood
 
Ganz ohne Klischees kommt auch „BEGABT- DIE GLEICHUNG EINES LEBENS“ nicht aus. Frank Adler (gespielt von „Captain America“ Chris Evans) ist ein Teilzeit-Bootsmechaniker. Er hat immer Zeit für seine 7-jährige Nichte, die er seit sechseinhalb Jahren alleine erzieht.
 
Trotz offensichtlich geringer Arbeitsauslastung kennt er keine finanziellen Probleme. Er lebt in einer idyllischen Kleinstadt in Florida, in der es keine Arbeitslosigkeit und auch sonst keine sozialen Probleme zu geben scheint. Er hat einen dieser Bärte, die normale Männer nur wenige Tage im Monat hinbekommen und seine Haare liegen sogar kurz nach dem Aufstehen immer perfekt. Seine Jeans sind an den richtigen Stellen abgewetzt, haben aber keine Löcher und seine T-Shirts sind verwaschen ohne abgetragen auszusehen.
 
Er ist so lässig, dass er seiner Nichte am Morgen ihres ersten Schultags „ein spezielles Frühstück“ verspricht, um ihr dann eine Schachtel „Special-K“-Frühstücksflocken neben die leere Schüssel zu stellen. Ach ja, zum Haushalt gehört auch noch Marys einäugiger Kater. Und dann ist da auch eine Nachbarin, die nicht bloß immer bereit ist, sich um das Kind zu kümmern. Sie ist sogar beleidigt, wenn sie das nicht darf.
 
 
Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben
 
Gleich an ihrem ersten Schultag zeigt die kleine Mary (Mckenna Grace) wie weit sie ihren Mitschüler und auch ihre Lehrerin überlegen ist. Und während ihre Lehrerin ihr einfach zusätzliche Arbeitsblätter aus höheren Schulstufen gibt, drängt die Direktorin der Schule darauf, Mary auf eine Schule für Hochbegabte zu schicken. Als Onkel Frank das ablehnt, wird Marys Großmutter Evelyn hinzugerufen.
 
Diese hatte sich bisher noch nie für ihre Enkelin interessiert. Als sie aber von Marys mathematischer Begabung hört, setzt sie schnell alles daran, das Mädchen zu sich zu holen. Mary soll den Nobelpreis bekommen, der nach den Plänen der Großmutter schon ihrer Marys Mutter zugestanden hätte.
 
Gut geschrieben ….
 
Im weiteren Verlauf des Films kämpfen zwei Parteien um ein Kind. So weit, so bekannt. „Kramer gegen Kramer“ trifft „Das Wunderkind Tate“. Aber es sind kleine wirkungsvolle Szenen die diesen Film vom üblichen Herz-Schmerz-Hollywood-Drama unterscheiden.
 
Eine Szene in einem Krankenhaus kommt völlig überraschend und lehrt uns mit einer wunderbaren Pointe, was Familie ausmacht. Evelyn, die böse Großmutter ist nicht einfach böse, weil es für die Geschichte erforderlich ist. Diese Frau hat eine eigene Geschichte. Und die Summe ihrer Entscheidungen und Erfahrungen hat sie zu der Person gemacht, die wir im Film zu sehen bekommen. So eine Figur sehen wir im Kino nur selten. Längst haben wir uns an Nebenfiguren gewöhnt, die einfach tun, was für die Story nötig ist, eben weil es für die Story nötig ist.
 
Die Dialoge sind an manchen Stellen so gut, dass wir tatsächlich später nochmal darüber nachdenken müssen. Wenn Evelyn in einem Gespräch über die Direktorin zu ihrem Sohn sagt, „Verdirb es Dir nie mit kleingeistigen Menschen, die ein bisschen Macht besitzen.“ so gibt sie ihm damit einen guten Rat. Sie sagt damit aber auch einiges über sich selbst aus. An einer anderen Stelle spricht jemand davon, „nicht das Vertrauen des Kindes zu missbrauchen“ und wir erkennen, wie Erwachsene ihre eigene Agenda hinter solchen Phrasen verstecken können.

01 ©2017 Twentieth Century Fox02 ©2017 Twentieth Century Fox03 ©2017 Twentieth Century Fox04 ©2017 Twentieth Century Fox
 
…. und gut gespielt.
 
Nicht nur das Drehbuch, auch die Besetzung ist voller angenehmer Überraschungen. Natürlich sieht Chris Evans als Onkel aus wie Captain America in cooleren Klamotten. Aber dafür kann er ja nun wirklich nichts. Seinen Widerwillen einen Kompromiss einzugehen, seine Verzweiflung wenn er seine Nichte zurücklassen muss, seine Liebe zu seiner verstorbenen Schwester, … all das vermittelt Evans sehr kraftvoll und leidenschaftlich.
 
Mckenna Grace hat laut imdb bereits in 42 Film- oder Fernsehproduktionen mitgewirkt. Hier spielt sie das siebenjährige Wunderkind sehr ausgewogen. Es ist ihr Verdienst, wenn wir erkennen, wie wichtig es für ein Kind ist, immer auch ein Kind sein zu dürfen.
 
Die erfahrene britische Schauspielerin Lindsay Duncan spielt die böse Großmutter nicht als Hexe, sondern als Frau mit enttäuschten Hoffnungen und fehlgeleiteten Ambitionen.
 
Wunderbar ist die Besetzung von Jenny Slate als Marys Lehrerin. In einem anderen Film hätten wir in dieser Rolle ein schauspielerndes Modell gesehen. Hier ist eine echte Frau mit echten Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten und einem großartigen Sinn für Humor zu sehen.
 
Und dann sehen wir noch Oscar-Preisträgerin Octavia Spencer in ihrer Paraderolle als resolute, starke Afroamerikanerin mit scharfer Zunge und einem Herzen aus Gold. Natürlich erledigt sie diese Aufgabe wie immer großartig. Es ist immer toll, jemanden zu sehen, der seinen Job drauf hat. Aber irgendwann, lieber früher als später, sollte Frau Spencer mal mit ihrem Agenten reden, ob es denn wirklich gar keine andere Rollen für sie gibt.

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Fazit
 
Im Englischen nennt man einen Film wie „BEGABT- DIE GLEICHUNG EINES LEBENS“ einen „tearjerker“. Viele solcher Filme drücken nicht auf die Tränendrüse, sie hauen mit dem Hammer drauf. Wenn so ein „tearjerker“ dann noch eine Botschaft hat, wird uns diese oft genug auch noch reingewürgt, wenn wir schon längst genug haben. „BEGABT- DIE GLEICHUNG EINES LEBENS“ geht hier anders vor.
 
Hier ist ein Film, der uns nachdenken lässt, was wirklich wichtig für ein Kind ist … und was eine Familie ausmacht. Am Ende erinnern wir uns, wie die kleine Mary der Sozialarbeiterin erklärt, warum ihr Onkel ein guter Mensch ist. „Er wollte mich, bevor ich klug war.“

 
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