Der Rest des Films plätschert weiter vor sich hin. Natürlich lässt eine Kinovorstellung keine Zeit für Szenenapplaus, aber dafür besteht hier auch keine Notwendigkeit. Die Musicalnummern sind schön anzusehen und noch schöner anzuhören. Die stärkste Nummer bis zum Finale ist sicher „Popular“, aber auch die ist in dieser Version kaum das, was man einen „Showstopper“ nennt.
Die beiden Schwächen des Films verstärken einander gegenseitig immer dann, wenn Chus wenig dynamische Inszenierung auf die vielen Längen des Drehbuchs trifft. Die Musiknummern liegen ohnehin schon teilweise weit auseinander. Wenn Chu diese dann auch noch mit Dialog streckt, wie schon der ganze Film mit Dialog gestreckt wird, dann wirkt das Ganze an einzelnen Stellen beinahe überdehnt. Wer „Defying Gravity“ von Broadway oder Westend kennt, erinnert sich an eine der kraftvollsten Musicalnummern der letzten Jahrzehnte, vergleichbar mit „One Day More“ oder „Suddenly, Seymour“. Chu unterbricht diese großartige Hymne mehrmals mit Dialog und Action, die sie nicht bereichern und ihre Wirkung nicht verstärken.
Everyone deserves the chance to fly
Auch in der Arbeit mit der qualitativ hochwertigen Besetzung lassen sich Schwächen der Regie erkennen. Michelle Yeoh hat schon in „A Haunting in Venice“ oder „Last Christmas“ bewiesen, dass sie auch unter schwacher Regie glänzen kann. Sie vermittelt als Madame Akaber genau die richtige Mischung aus Würde und Stolz aber auch Hinterlist und Rücksichtslosigkeit, die es für diese Rolle braucht.
Jeff Goldblum macht, was jeff Goldblum seit einigen Jahren immer und immer wieder macht und zieht wieder einmal seine „Jeff-Goldblum-Nummer“ ab. In Filmen wie „Thor: Tag der Entscheidung“ und „Hotel Artemis“ hat er dabei aber viel mehr Verve erkennen lassen. Der Zauberer von Oz sollte ein gewitzter Charmeur, Gauner und Täuscher sein. Davon ist in diesem Film nur wenig zu erkennen. Echten Charme lässt der Brite Jonathan Bailey („Crashing“, „Bridgerton“). Wir können sofort nachvollziehen, warum sich beide Freundinnen in den von ihm dargestellten Prinzen verlieben.
Die Britin Cynthia Erivo ist eine erfahrene Musicaldarstellerin, die bereits in London und New York Erfolge feiern konnte, bevor sie in „Harriet – Der Weg in die Freiheit“ ihre erste Hauptrolle in einem Hollywoodfilm spielen durfte. Stimmlich kann sie in der anspruchsvollen Partie der Elphaba überzeugen. Aber ihre Darstellung lässt nicht immer den gleichen Umfang erkennen wie ihre Stimme. Wir sehen in den frühen Szenen nicht die stoische Gelassenheit der ewigen Außenseiterin und gegen Ende wenig kämpferische Entschlossenheit. Erivo wirkt als Elphaba anderthalb Stunden angepisst, bevor sie eine halbe Stunde hoffnungsvoll agiert, um dann am Ende so richtig angepisst zu reagieren.
Die große Überraschung des Films ist Ariana Grande-Butera. Fans der Sängerin werden vielleicht etwas enttäuscht werden. Wir sehen hier keine Ariana-Grande-Show. Stattdessen nimmt Grande sich im Interesse ihrer Rolle zunächst zurück, um einen Filigrantrampel darzustellen, wie man ihn seit den Tagen von Lilian Harvey kaum jemals im Kino gesehen hat. Das macht sie mit einer übersprudelnden Freude am Klischee, die sich sofort auf das Publikum überträgt. Wenn sie ihr Haar in den Wind hängt und sich in gespielter Enttäuschung aufs Bett wirft, sorgt sie für die Komik, die dem Film an so vielen anderen Stellen leider fehlt.