Nach 7 Filmen in 24 Jahren könnte man mit „Resident Evil“ doch auch mal etwas Neues versuchen, oder?
Where was it going again?
Heute gibt es mal keine Zusammenfassung der Handlung von mir. Auch keine mit ironischen Spitzen. Und auch kein Zitat aus der Einladung zur Pressevorführung oder anderen Pressetexten. Das hat zwei Gründe. Zum einen sollten Leser*innen, die sich die Grundzüge der Handlung eines „Resident Evil“-Films nicht denken können, doch bitte einfach ihre Pfleger bitten, sie wieder ins Bett zu bringen. Zum anderen, weil ich allen Fans der Reihe und allen Filmfans ganz allgemein einfach nur raten kann, diesen neuen Film mit so wenig Vorabinformation und vor allem mit so wenig Erwartungen als möglich anzusehen. Denn nur so habt Ihr die Chance etwas zu erleben, was man heutzutage kaum noch im Kino erlebt, nämlich eine echte Überraschung!
Tatsächlich sorgt Regisseur und Co-Autor Zach Cregger für eine ganze Reihe von Überraschungen. Und für die größte der Überraschungen sorgt die Produktionsfirma, die gute alte Constantin-Film. Dieses Unternehmen, lebt in den letzten Jahrzehnten vor allem von ewiggleichen Serien ewiggleicher Filme für Kinder wie „Die Schule der magischen Tiere“ oder „Fünf Freunde“ oder ewiggleicher Serien ewiggleicher Filme für die Eltern der armen Kinder wie „Fack ju Göthe 1-27“ und seinen Spin-Offs „Chantal im Tralala-Land“ und demnächst „Verpiss Dich Schiller“ und „Leck mich Heine“ oder „Der Vorname“, „Der Nachname“, „Der Spitzname“ und „Der zweite Vorname“ oder aber auch Regionalkrimis wie „Breznknödl-Tango“, „Presswurscht-Farce“ usw.
Diese Produktionsgesellschaft hat bei vier der ersten sechs Filme zugelassen, dass Paul W. S. Anderson auf immer die gleiche Art und Weise eine immer größere Zahl von Klonen seiner Ehefrau auf der Leinwand rumlaufen und Infizierte zerstückeln lässt. Die einzigen beiden Ausnahmen waren Teil Zwei, der unter der uninspirierten Regie von Alexander Witt entstanden ist, der davor und danach nie wieder einen Film inszenieren durfte und Teil Drei, der tatsächlich von Russel Mulcahy inszeniert wurde, der vor 40 Jahren ein Meisterwerk inszeniert hat und seither nur noch Filme, die alle so schwach waren, dass man sich fragen muss, warum der Mensch überhaupt seit 40 Jahren Filme inszenieren darf. Für das Reboot von 2021 hat Constantin dann dem noch recht unbekannten Johannes Roberts ein so geringes Budget zur Verfügung gestellt, dass der mit Miniaturen aus dem Spielwarenladen, CGI aus einer kostenlosen App und komplett überforderten Hauptdarsteller*innen arbeiten musste.
Seriously, I’m working!
Doch bei Constantin-Film scheint man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Man hat mit Zach Cregger einen Autor und Regisseur gefunden, der mit „Weapons – Spuren des Verschwindens“ eindringlich belegt hat, dass der Hauptunterschied zwischen gelungenen und misslungenen Filmen immer noch in den Ideen der Macher besteht. Und Cregger und sein Co-Autor Shay Hatten (u.a. „Die kleine Schwippschwägerin von John Wick: Ballerina“) haben wiederum aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt und alles richtig gemacht. Dabei war ihre wichtigste Entscheidung keine Eins-zu-Eins-Verfilmung eines der Videospiele zu drehen, sondern eine eigene, eigenständige Geschichte zu erzählen, die in der Welt eines der Videospiele spielt.
Die zweite wichtige und richtige Entscheidung war, keine Actionheld*in ins Zentrum der Geschichte zu stellen. Bryan, der Protagonist des neuen Films hat, in bester Hitchcock-Tradition, nicht nur keine Ahnung, in was für eine Geschichte er hineingeraten ist. Er lässt das Publikum teilhaben, wie er sich langsam und nur schwer zurechtfindet. Und er ist glaubwürdig überfordert. Die Szenen, in denen seine Überforderung immer wieder deutlich wird, steigern die Spannung und gehören zum Unterhaltsamsten, was wir dieses Jahr im Horror-Kino zu sehen bekommen haben. Bryans Einsicht, „I fucking suck at guns“ könnte ein Film-Zitat für die Ewigkeit werden.
Denn drittens und nicht letztens, der neue Film ist der erste Film der Reihe, der wirklich witzig ist. Ich habe während der schlank und flott inszenierten 90 Minuten dieses Films mehr gelacht als während der meisten Komödien, die ich in letzter Zeit rezensieren durfte. Die verschiedenen Szenen mit Vorhängeschlössern in diesem Film liefern ein seltenes Beispiel für einen Running-Gag, dessen einzelne Gags für sich schon jedes Mal witzig sind, die aber zusammengenommen dann nochmal ins Urkomische gesteigert werden.
Neben der Spannung und der Komik bietet der Film aber auch Grusel, Gore und Action. Die verschiedenen infizierten Kreaturen und die Art, wie sie dem Protagonisten nachstellen werden nie langweilig. Eine Art Bombardement der Infizierten ist auf herrliche Art und Weise gleichzeitig schrecklich, witzig und einfach nur cool anzusehen.
Szenen wie diese lassen die Version von 2026 zum ersten wirklich coolen Film der Reihe werden (Sorry, aber die frühen Filme haben sich mit ihren schrägen Laserfallen und ähnlichem einfach viel zu viel Mühe gegeben. Und wie wir alle aus viel zu vielen Filmen mit Gerard Butler wissen, schließen Coolness und erkennbare Anstrengung, stets cool zu wirken, einander gegenseitig aus.) Irgendwann ist dieser neue Film einfach so witzig, spannend und (ja ich wiederhole mich gerne) cool, dass wir ihm sogar offensichtliche Mängel nachsehen. Racoon City soll zwar auch in diesem Film in den USA liegen. Der Film enthält aber kaum eine Szene, die nicht ganz offensichtlich in Osteuropa gedreht wurde.
Die Coolness des Films verdankt der Film auch seinem Hauptdarsteller, Austin Abrams. Er hat mit Zach Cregger bereits in „Weapons – Spuren des Verschwindens“ zusammengearbeitet. Gerade weil Austin Abrams die Aufgabe verstanden hat und nie versucht, ein Actionheld zu sein, kann er hier etwas viel wertvolleres darstellen: einen echten Charakter, mit dem sich das Publikum schnell identifizieren und mit dem es immer wieder mitfiebern kann.
Mittendrin sehen wir den stets verlässlichen Paul Walter Hauser („Richard Jewell“, „I, Tonya“) wieder mal kongenial einen dieser Typen spielen, die wir alle so oder ähnlich aus unserem eigenen Leben kennen.
Fazit
Nach 7 Filmen in 24 Jahren war es wirklich höchste Zeit, mit der Serie rund ums ortsansässige Böse mal endlich etwas Neues zu versuchen. Und der Versuch war erfolgreich. Der neue Film ist hervorragend gemacht und ebenso gruselig wie spannend, aber auch witzig und unterhaltsam und wirklich cool.