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AMAZING GRACE: Regisseur Alan Elliott im Interview


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 Autor: Walter Hummer
 
Alan Elliott ist Musiker. Er war bisher als Produzent tätig und hat Musik für Filme wie „Hitch – Der Date Doktor“ und „Der Herr des Hauses“ mit Tommy Lee Jones geschrieben. Aber während der letzten Zehn Jahre hat er an einem ganz besonderen Projekt gearbeitet.
 
1972 hatte der damals bereits bekannte Regisseur Sydney Pollack (der später Filme wie „Tootsie“ und „Jenseits von Afrika“ machen sollte) den Auftrag bekommen, ein Gospel-Konzert von Aretha Franklin aufzunehmen, das an zwei Abenden in der New Temple Missionary Baptist Church in Watts, einem vornehmlich schwarzen Stadtteil von Los Angeles, stattfinden sollte. Die Musikaufnahmen wurden auf Platte herausgebracht und diese Platte ist seit bald Fünf Jahrzehnten das erfolgreichste Gospelalbum aller Zeiten. Aber Pollack hatte es nicht geschafft seine Tonaufnahmen mit dem Bildmaterial zu synchronisieren. Und so sah es lange Zeit so aus, als würde der Film nie gezeigt werden können. Der 2008 verstorbene Pollack gab Elliott die Einwilligung das Material zu bearbeiten und so kommt „Amazing Grace“ mit 47 Jahren Verspätung nun doch noch in die Kinos.
 
Zur Begrüßung sage ich Regisseur und Co-Produzent Alan Elliott, wie sehr ich seinen Film genossen habe. Filmkritiker sehen so viele Filme die weitgehend austauschbar sind. „Amazing Grace“ wurde so erfrischend anders als andere Konzertfilme oder Dokumentationen gestaltet und ist damit eine wunderbare Abwechslung im ewigen Kino-Einerlei. Er antwortet freundlich und aufrichtig: „Vielen Dank. Das bedeutet mir viel“
 
Ich frage, ob er seine Arbeit an dem Film mehr als das Werk eines Regisseurs oder das eines Musikers betrachtet?
 
„Natürlich hätte ich den Film ohne meinen Hintergrund als Musiker nicht machen können. Nachdem ich den Film nun tausend Mal gesehen habe, denke ich, es gibt ein gewisses Wissen, das man als Musiker, als Bandleader und Plattenproduzent hat, das man nicht transferieren kann, wenn diese Erfahrungen fehlen. Und dann wuchs ich auch noch genau zu dieser Zeit in Los Angeles auf. Auch mein Vater war Musiker. Als ich das Material dann ansah, kamen alle diese Erfahrungen als Musiker, als Bandleader und Plattenproduzent und auch als Kind in L.A. von 1972 wieder hoch. Es fühlt sich oft an, als würde ich meinen Vater oder andere Leute aus dieser Generation bei der Arbeit zusehen. Wenn ich meinem Vater bei seiner Arbeit als Musiker zusah, musste ich still sein. Ich musste auf die Interaktion zwischen Drummer und Bassist achten oder auf die zwischen Sänger und Chor. Das waren die Grundlagen meiner Erziehung.
 
Was diesen Film von anderen unterscheiden ist das Wissen darum, wie man Musik macht, wie es ist in diesem Raum zu sein. Deshalb können die Leute eine Verbindung zu dem Film aufbauen. Die langen Takes, diese Art die Bilder zu sehen, … so ist es, wenn man als Achtjähriger zusieht. Als weißer jüdischer Junge von acht Jahren in der afroamerikanischen Gemeinde muss man respektvoll sein, man muss lernen dazuzugehören. Um das zu schaffen muss man gut beobachten und das Beobachtete verarbeiten. Und das ist der Film. Beobachten, zuhören, dazugehören, …
 
An einer Stelle sehen wir eine schwarze Frau, die ebenfalls die Musik aufnimmt, bloß mit einem kleinen Aufnahmegerät. Wir sehen sie, dann sehen wir den Chor singen, dann sehen wir wieder die Frau, sie blickt uns an. Und sie lächelt. Sie weiß, wir sehen sie wie sie die Musik aufnimmt und wie viel Freude diese Musik bereitet. In diesem Moment fühlte ich, wir wurden in diesem Raum eingelassen und dieser Raum wird sicher sein. Wir werden hier Spaß haben. Wir gehören hierher.
 
Der Film sagt, wenn Du an Gott glaubst oder an Jesus Christus glaubst, dann bist Du am richtigen Ort. Aber wenn Du an nichts glaubst und nur die Musik hören willst und vielleicht über Dich selbst nachdenken willst, dann gibt Dir das alles auch das.
 
Wir müssen über Sydney Pollack sprechen, den Regisseur, der das Projekt nie abschließen konnte
 
„Ich habe mit Sidney bereits vor mehr als 10 Jahren an dem Projekt gearbeitet, aber wir haben nicht ein einziges Bild des Films zusammen geschnitten. Und da war auch ein deutlicher Unterschied in unserem Ansatz. Er wollte immer wieder Zeitzeugen und Experten interviewen, um sie in den Film zu scheiden. Ich fragte immer wieder: „Können wir nicht einfach das Material sichten?“ und er meinte jedes Mal: „Noch nicht. Noch nicht.“ Ich denke, er konnte einfach nicht zugeben, dass er nicht fähig gewesen war das Bildmaterial mit dem aufgenommen Ton zu synchronisieren.“
 
Hat Sydney Pollack sich geschämt?
 
Scham war es wahrscheinlich nicht. Es war Traurigkeit. Eine tiefe Traurigkeit. Vor einer Weile waren wir am Palm Springs Film Festival. Und Sydneys langjährige Assistentin Donna Ostroff weinte und war so glücklich weil der Film endlich rausgekommen war. Sie erzählte, wie Sydney sich sein Material des Konzerts zwischen verschiedenen Filmprojekten immer und immer wieder vorführen ließ. Und er sah sich diese Aufnahmen ohne jeden Ton an. Das muss wohl das Traurigste gewesen sein, was ich je gehört hatte. Sydney wusste, da war alles da, aber er konnte es nicht reparieren. Er war ein sehr stolzer Mann und hat es nie wirklich zugegeben. Aber damals dort gewesen zu sein und es hinterher nicht geschafft zu haben, das alles auf die Leinwand zu bringen, muss eine überwältigende Enttäuschung gewesen sein, selbst nach all seinen unglaublichen Erfolgen. Es gibt vielleicht zehn oder zwanzig Regisseure mit ähnlicher Erfolgsbilanz. Aber da war dieses eine Projekt, das ihm durch die Finger geschlüpft war. Nach all den Gesprächen weiß ich, er wollte diesen Film realisiert sehen. Und das wäre nie möglich gewesen, wenn Sydney mir nicht vertraut hätte. Es war sehr großzügig von ihm zu sagen, „Du weißt, Du kennst den Film besser als ich. Ich will, dass Du ihn fertig stellst.“
 
Das ist eine enorme Verantwortung
 
Ja, eine enorme Verantwortung gegenüber Aretha Franklin, gegenüber Sydney Pollack, Jerry Wexler (Anm.: dem Produzenten von 1972). Wir mussten der Musik gerecht werden. Wir mussten dem Filmmaterial gerecht werden. Und wir mussten Aretha Franklin gerecht werden. Und mittlerweile haben uns all diese Menschen verlassen. Daher ist die Verantwortung noch größer geworden, weil sie nicht mehr für sich selbst sprechen können.
 
Der Film vermittelt eine tiefe Bescheidenheit. War das eine spirituelle Entscheidung oder nur aus Respekt vor den Leuten, die vor 47 Jahren versucht haben diesen Film zu machen?
 
Es ist eine Frage des Respekts vor dem größeren Ganzen. Das war ja nicht bloß Sydney Pollack, Aretha Franklin, die Band, der Chor, das Publikum. Das war die Gesamtheit eines einmaligen Erlebnisses. Die Platte bedeutet mir und so vielen anderen Menschen so viel. Vergessen sie nicht, es geht hier um eine der größten Plattenaufnahmen in der Geschichte der Tonträger. Das war meine Vorgabe. Die Frage war immer, wie kann ich diese Energie zusammenhalten und umwandeln? Es ist fast wie eine Yogaübung oder eine Meditation. Wie kann ich diese Einfachheit der Plattenaufnahme und dieses friedvolle Gefühl das man beim Zuhören bekommt auf die Leinwand transportieren? Wenn man sich da in den Vordergrund spielen würde, wäre das als wollte man sich zwischen Gott und den Zuseher stellen. Ich wollte dem Publikum diese Verbindung vermitteln, egal ob man an Gott glaubt oder nicht. Freeze frames, Überblendungen, reingeschnittene Interviews oder andere filmische Mittel hätten nur abgelenkt. Ich wusste ohnehin nicht, ob ich je wieder einen anderen Film machen würde.
 
Einer der Vorteile, wenn man einen Film selbst finanziert ist, niemand kann einem sagen, was man zu tun hat. Niemand kann sagen, wir brauchen Mary J-Blige oder Sheryl Crow oder andere Stars, die uns erklären was die Musik bedeutet. Nein, lasst uns die Musik hören. Wir alle kennen Musikdokus, in denen nur die erste Strophe und der Refrain eines Lieds zu hören sind, weil dann eine Berühmtheit oder ein Soziologe erklären, wie wichtig die Musik ist. Nein, lasst uns die Musik fühlen. Lasst uns diesen Augenblick teilen. Ich wusste, dieses Projekt würde definierend für mich sein. Am Ende habe ich es geschafft, das alles auf diese Art zu vermitteln, die einzigartig ist und nicht so wie in so vielen anderen Filmen.
 
Sie haben es eben selbst erwähnt, daher die Frage: Werden Sie weitere Filme machen?
 
Das hoffe ich. Es gibt einiges an dem ich gerade dran bin. Ein Projekt wäre die Biografie von Art Pepper, dem Jazzsaxofonisten. Das wäre ein fantastischer Film. Und dann war meine Arbeit an „Amazing Grace“ ja auch eine 10-jährige Forschungsarbeit über Aretha Franklin. Daher arbeite ich jetzt an den Vorbereitungen zu einer sechsteiligen Dokumentationsserie über diese Frau. Ich denke an einen episodischen Aufbau. Wie bei „Amazing Grace“ werden wir ihre Geschichte nicht einfach linear erzählen. Stattdessen werden wir uns auf Episoden aus ihrem Leben konzentrieren, die eine besondere Energie und historische Bedeutung hatten. Aretha Franklin war eine Zeitzeugin für einen großen Teil der jüngeren amerikanischen Geschichte. Sie sah Martin Luther King und Jesse Jackson, den Aufstieg der Bürgerrechtsbewegung, die Wahl von Barack Obama … all das liefert Material für eine großartige Dokumentation.
 
Zurzeit passiert bei mir einfach viel gleichzeitig. Nächstes Jahr wird eine längere Version von „Amazing Grace“ herauskommen, die wir die „Church Version“ nennen werden. Ich habe es immer bedauert Songs wie „You’ll never walk alone“ oder „God will take care of you“ nicht untergebracht zu haben. Fans dieser Aufnahmen werden also nächstes Jahr mit Aretha mitsingen können. Die neue Version wird wieder etwas ganz Besonderes. Und sie wird nicht so wie die bisherige Version. Sie wird noch einige weitere Überraschungen enthalten, über die ich bereits furchtbar aufgeregt bin.“
 
Die Rezension zu „Amazing Grace“ findet Ihr HIER.
 
 
 
 
 
 
 
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